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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 331

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
Über die Scham
Date
1927-08-01
Page
331 (sequence 1)
Language
German
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Über die Scham Von Otto Meiler Der Streit, ob Schamgefühl angeboren oder anerzogen sei, geht im Grunde nur um das körperliche Schamgefühl. Schamgefühl im allgemeineren Sinn, das sich einstellt, wenn irgendwelche Mängel, Schwächen oder Fehler von uns offenbar werden, wird wohl im Ernste von niemand als menschliche Anlage geleugnet werden. Es ist eine Gemütsbewegung wie Freude und Trauer, Angst und Sorge. Und wenn schon das Märchen zu erzählen weiß von einem, der auszog, um das Gruseln zu lernen, so wissen wir doch, daß solche Regungen zwar ausgelöst, auch ausgebildet und entfaltet, aber nicht von außen her in jemand hineingetragen werden können. Wenn die Mutter mit dem Kindchen tollt, daß es hell aufjauchzt, da hat die Mutter Freude geweckt, aber beileibe nicht dem Kind beigebracht. Denn die Jauchzer des Kindes sind ja keine Nachahmung der Neckerei, sondern seine Antwort darauf, und zwar eine ursprüngliche, wie sie nur dem Kind und seiner Entwicklungsstufe eigentümlich ist. Und nicht anders ist es beim Schamgefühl. Die Anlage läßt sich entwickeln oder abstumpfen, aber nicht einem Menschen beibringen. Denn wieviel zarter und empfindlicher ist es beim Kinde ausgebildet, sodaß wohl das Kind dem Erwachsenen, aber selten der Erwachsene dem Kind ein Vorbild darin sein kann. Wie steht es nun mit dem körperlichen Schamgefühl? Offenbar findet es sich bei kleinen Kindern und bei primitiven Völkern ganlicht oder nur in geringem Grad, und ebenso unbestreitbar ist es, daß Erwachsene es vielfach erst den Kindern oder Kulturvölker den Naturvölkern — man denke an die Tätigkeit der Missionare auf diesem Gebiet — beibringen. Danach hatten, wenigstens beim körperlichen Schamgefühl, diejenigen recht, die behaupten, es sei anerzogen. Freilich bleibt hier die Frage offen, woher es denn bei denjenigen kommt, die das Bedürfnis empfinden, es auch andern beizubringen. Denn wenn man auch in ihnen wieder Opfer der Erziehung sieht, so muß man doch einmal auf jene letzte Generation stoßen, bei der es ursprünglich vorhanden oder deren willkürliche Erfindung es gewesen sein müßte. Aber selbst, wenn es vorzeitig Kindern oder primitiven Völkern anerzogen wird, ist damit noch nicht erwiesen, daß es sich nicht später auch von selbst eingestellt hätte. Wird man doch auch vom Geschlechtstrieb, weil er erst im reiferen 33t

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