Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Die Typen des deutschen Judentums in ihrer Beziehung zum Sozialismus
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 304 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895471-2897980--02046-2898098- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hilde Landauer Der Sozialismus ist über seine primitiven Anfänge hinaus seiner ganzen Anlage nach notwendig dazu gedrängt worden, sich mit dem Problem des Überdeckens der Lebenskreise, des nationalen und des internationalen auseinanderzusetzen. Eben dies Problem ist aber auf das engste verwandt der Lebensfrage des assimilierten Juden der geschilderten Art Ohne Zutun, als Selbstverständlichkeit tritt für jeden Juden das Problem seiner Doppelbestimmtheit auf und zwingt ihn zur Stellungnahme, zur kritischen Stellungnahme, weil keine seiner Bestimmtheiten so eindeutig ist, daß sie eine glatte oder nur gefühlsmäßige Antwort gestattet Ausgestattet mit einer nahezu tödlichen Problematik muß der in dieser geistigen Form lebende Mensch die Grundfragen menschlicher Gegebenheiten aufrollen, und neben den sozialen Gegebenheiten stehen gleich schwer an Gewicht und Inhalt die nationalen. Eine naive unbekümmerte Beurteilung ist aus erwähnten Gründen undenkbar, der naive und unbekümmerte Mensch fragt nicht nach seiner nationalen Bedingtheit, er nimmt sie als gegebene Größe hin und stellt einen Schutzwall auf eben um seine naive und unbekümmerte Geistesverfassung, indem er das Fragen moralisch verfemt Die, die fragen, die Verfemten, es sind die Brüder, der Proletarier und der entwurzelte, neu verwurzelte Jude, der eine, weil er überwinden will, der andere, weil er überwunden hat So sind die Antriebe des Sozialismus, die Fragestellungen, die Tendenzen zur Beantwortung für diesen Typus begreiflich und verwandt Und nicht nur die Gedankenwelt des Sozialismus legt den Anschluß nahe. Es ist hier auch wesentlich die Erscheinungsform, die Partei Das Bejahen der geistigen Form dieses Typus heißt auch sich als wirkendes Wesen bejahen, für sich in dieser Form eine Aufgabe sehen, eine wertvolle Aufgabe, die so kein anders geartetes Wesen erfüllen kann. Damit kommt man an das Problem des jüdischen Parteimitgliedes, das zu einem Teil identisch ist mit dem Problem der Intellektuellen in der sozialistischen, in der Arbeiterpartei. Da entfalten die beiden Wurzeln ihre Kraft: Dem assimilierenden Volke nahe genug, um sich ihm verwandt, ihm verbunden zu fühlen, sein Geschick zu fühlen, zu wollen, den Genossen zu kennen und zu bejahen, das Wort zu finden, das er begreift, den Ton zu treffen, der ihn ergreift; und durch den eigenartigen und schweren geistigen Weg auf einer geistigen Ebene, die ihm das Einfühlen in nahezu jede Daseinsform, in jede Bahn menschlichen Wollens und geistiger Qual ermöglicht, das muß der geborene Kampfesgenosse für den Proletarier sein, Bruder genug, um 304