Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Die Typen des deutschen Judentums in ihrer Beziehung zum Sozialismus
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 302 (sequence 18)
- Language
- German
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Hilde Landauer Orthodoxen durch reine Arterhaltung in der festen Grenze der absolut jüdischen Lebensführung, die Liberalen behaupten ihn gelöst zu haben, indem sie ganz Juden und ganz Deutsche zu sein erklären. Als eine Zwischenerscheinung ist der wurzellose Jude zu betrachten, der an einer Lösung dieses Schicksals überhaupt resigniert Diesen länger gewohnten und beobachteten geistigen Erscheinungsformen tritt allmählich eine neue an die Seite, der Jude, der den Zwiespalt nicht schlechthin aufzuheben trachtet, nicht ungeschehen machen will, sondern der ihn bewußt zur Grundlage wählt Dieser Typus knüpft an an den entwurzelten Juden und geht über ihn hinaus. Bei ihm allein ist die Entfernung von den jüdischen Bindungen groß genug, um einmal das Herausverlegen des menschlichen geistigen Schwergewichtes zu versuchen, um einmal das umliegende Erdreich abzutasten auf die Möglichkeit neuer Wurzelbildung. Freilich eignet dieser neuen Verwurzelung etwas ganz Besonderes. Es kann keine rein naive, angeborene sein, es ist eine erworbene. Keine Möglichkeit besteht bisher für den Juden, diese Wurzeln als angeborene einfach zu besitzen; wo das angenommen wird, da kann es sich nur um einen Irrtum oder um eine Täuschung handeln. Seine Zugehörigkeit zu dem zweiten Schicksalskreis, in den er wahllos hineingeboren wird, kann nicht naiv und einfach sein, sie wurzelt schon tief genug, um zu haften und zu schmerzen, sie unterliegt als eine erworbene in besonderem Maße dem Kampf, der Prüfung, der Kritik. Der lange geistige Weg, der zu ihrer Erwerbung geführt hat, der Weg nicht nur einer Generation, bedingt eine andere Art der Erfassung der nationalen Bindungen, ein notwendig geklärtes Gefühlsverhältnis, eine Bereitschaft verantwortlich Rechnung zu legen, eine immer erneute Prüfung erkannter Werte, als sie das scheinbar unbedingte Gefühl der angeborenen nationalen Zugehörigkeit hervorbringt Aber auch die erworbenen Wurzeln sind Wurzeln, die eine Standfestigkeit geben, und von dieser Standfestigkeit, dieser errungenen Zugehörigkeit geht jener Typ aus, der seine Zugehörigkeit zu einer jüdischen Gemeinschaft verloren und aufgegeben hat Verloren und aufgegeben in dem Sinne, daß er sich in keine jüdische Willens- oder Gesinnungsgemeinschaft mehr einreiht, aber festgehalten und erkannt als Grundlage des Seins, als wesentlich mitbestimmendes Merkmal aller Lebensäußerungen, und darüber hinaus bejaht und gewollt als Ingredienz einer schmerzhaft bereicherten Form. 302