Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Die Typen des deutschen Judentums in ihrer Beziehung zum Sozialismus
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 286 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895471-2897980--02028-2898080- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hilde Landauer gründungen sozialistischer Anschauung hier nicht eingegangen werden; in diesem Zusammenhang soll es sich nicht um den Sozialismus als wissenschaftliche Erkenntnis handeln, sondern um die sozialistische Bewegung als Ausdruck des Willens, politische und wirtschaftliche Verhältnisse umzugestalten, als Ausdruck des geistigen Willens des Arbeiterstandes und der zu ihm getretenen, aus dem bürgerlichen Milieu stammenden Ideologen. So betrachtet wurzelt die sozialistische Bewegung im Humanitätsideal der Freiheit der Entwicklung. Bei der Forderung der individuellen Freiheit allein konnte es nicht bleiben, die bürgerlichen Emanzipationskämpfe ließen eine ganze Klasse von Menschen unbefriedigt; der Arbeiter blieb, auch wenn alle Forderungen bürgerlicher Emanzipation erfüllt waren, in schwerster Abhängigkeit Seine wirtschaftlichen Lebensbedingungen verurteilten ihn zur Unfreiheit Der Mensch, dessen Leben sich an der Grenze des Existenzminimums dauernd und durch Generationen hindurch abspielt, sinkt zur Maschine herab, für ihn ist der Begriff der individuellen Freiheit leer. Aus dem Kulturwillen der Lohnarbeiterschaft heraus wurde das Ideal der individuellen Freiheit umgestaltet, es wurde ergänzt durch den Begriff der Solidarität der Schwachen, der Forderung der Freiheit von Klassenbedingungen. Nicht die wissenschaftlich gewaltige Leistung von Karl Marx als Einzelleistung konnte den Sozialismus schon zur aktionsfähigen Bewegung machen. Die von ihm dargebotene wissenschaftliche Erkenntnis mußte auch auf Menschen treffen, die sie aufnehmen konnten. Diese Erkenntnis umfaßte die Lehre von der Bedingtheit des geschichtlichen Prozesses durch die wirtschaftlichen Produktionsgrundlagen jedes Zeitraumes, das fruchtbare heuristische Prinzip das die Bedeutung der Klassenschichtungen feststellte. Die Lehre wurde dargetan und ausgesprochen von Karl Marx, niedergelegt als die Saat, die nur in der Reife aufgehen kann. Die Erscheinungsform, die der Reife entsprach, die Sozialdemokratische Partei, war nur denkbar, wenn die lebendig gewordene und weiter getragene Erkenntnis auf Menschen traf, die fähig und vorbereitet waren, ihre Lage zu erkennen, eine Änderung dieser Lage bewußt zu wollen und über die augenblickliche Änderung hinaus ein Kulturideal zu meinen. So stellt sich der Sozialismus dar als eine Erkenntnis der geschichtlichen und sozialen Bedingungen menschlichen Werdens und Gewordenseins und als ein Wille, die Bedingungen mit gegebenen Mitteln zu ändern und einem Ziel menschlicher Bildung zuzustreben. Der Wille zur Änderung aber, soweit er sozialistisch genannt werden kann, muß ein radikaler sein. „Radikal sein, 286