Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Die Juden in Rußland unter Nikolaus I.
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 269 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in Rußland unter Nikolaus I. Gefühle lesen.. Der Schreiber ermahnt seine Brüder mit großer Energie, sich fortab der Dienstpflicht nicht zu entziehen, da sie dadurch die heilige Last der Vaterlandsverteidigung auf die Schultern ihrer christlichen Mitbürger abwälzen ,was ein schweres Unrecht sei; er appelliert an ihr Solidaritätsgefühl und legt dar, daß jeder, der sich der Wehrpflicht entzieht, Schmach über den jüdischen Namen bringe und andere ins Unglück stürze; endlich spricht er die zuversichtliche Hoffnung aus, daß der gleichen Wehrpflicht auch das gleiche Bürgerrecht folgen werde. Er warnt die Juden und beschwört sie, die alten Praktiken der Matrikelfälschung und der Verheimlichung von Knabengeburten zu unterlassen und den Behörden vertrauensvoll entgegenzutreten, um die dann sicher nicht ausbleibende Beseitigung aller rechtlichen Beschränkungen redlich zu verdienen. Nicht minder eindringend ist die Sprache P. Smolenskis, der damals besonders auf die jüdische Jugend in Rußland einen sehr großen Einfluß hatte. Diese Kundgebungen machten auf die Juden einen tiefen Eindruck. Natürlich änderte sich ihre Gesinnung nicht im Handumdrehen, aber schon im russisch-türkischen Kriege sank die Zahl der Dienstentziehungen unter ihnen sehr bedeutend. Noch mehr war dies im russisch-japanischen Kriege der Fall. Aber die bürgerliche Gleichberechtigung blieb aus. Umgekehrt: Seit 1876 schlug die Regierung abermals einen reaktionären Kurs ein. Man forderte von den Juden, die auf eine Erleichterung (legota) Anspruch erhoben, vielerlei Bedingungen, die für Nichtjuden nicht galten. Seit 1878 wurden die Erleichterungen noch mehr eingeschränkt, seit 1888 wurde den Juden das allen anderen Rekruten zustehende Recht, sich die Ortschaft für die Abdienung der Militärjahre frei zu wählen, entzogen. Seitdem infolge der Pogrome die Emigration stark zugenommen hat, wurde den Familien eines nicht zur Musterung Erschienenen eine Geldbuße von 3oo Rubeln auferlegt, die auch von entfernten Verwandten eingezogen wurde. Im Weltkriege haben sich zahlreiche jüdische Freiwillige gemeldet Graf Tolstoj, der Vorsitzende der Petersburger Stadtduma, hat 1915 eine umfangreiche Untersuchung vorgenommen und festgestellt, daß die jüdischen Soldaten in diesem Kriege viel zahlreicher waren, als ihrer Bevölkerungszahl entsprach, daß sie somit in viel höherem Grade die Blutsteuer entrichteten, als die „echten" Russen. 269