Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 237 (sequence 3)
- Language
- German
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Ansteigen lieber, schildert Bergel, wie das Verhängnis sich über dem Ghetto zusammenbraut, wie Lüge und Verleumdung den Juden Parteilichkeit für die Preußen vorwirft, wie nach Abzug der preußischen Truppen der Pöbel, zusammen mit der Soldateska, das Judenviertel überfälli und plündert, und wie Maria Theresia aus einer nicht weiter durchsichtigen Feindseligkeit gegen die Juden die kurzfristige Ausweisung befiehlt. Die Art, wie dieser Befehl durchgeführt wird, die Schwierigkeiten, die sich dabei für Juden und Christen ergeben — all das ergreift um so mehr, als er in der kühlen Sprache. historischer Darstellung wiedergegeben wird. In summa: Man muß der Praga-Loge Dank sagen, daß sie mit großen materiellen Opfern die Feier ihres fünfundzwanzigjährigen Bestehens durch dieses Werk geadelt hat. Die Beiträge der Festschrift bilden die Grundlage für eine wissenschaftliche Geschichte der Juden in Prag. Aber wenn diese Beiträge auch über sich selbst hinausweisen — ihre Bedeutung haben sie doch in sich selbst: Sie sind ein Ehrenmal für die dem Geistigen zugewandte Gesinnung der Prager Juden, eine Gesinnung, die sie zu würdigen Nachkommen der in diesen Beiträgen verewigten Vorfahren macht. J. Golds tein. Das Leben Gabriel Rießers. Ein Beitrag zur inneren Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert von Dr. phil. Fritz Friedländer. Berlin. Philo-Verlag 1926. i85 Seiten. Das Andenken Gabriel Rießers, des edeln Vorkämpfers der Gleichberechtigung der deutschen Juden, ist in jüngster Zeit mehrmals erneuert worden. Alles aber, was über ihn gesprochen und geschrieben worden ist, wird übertroffen durch das vorliegende, den Manen von Hugo Preuß und Walter Rathenau gewidmete Werk. Der Verfasser, aufs gründlichste vertraut mit dem gesamten Quellenmaterial und mit der gesamten Literatur, von warmer Teilnahme für seinen Gegenstand erfüllt, ohne in den Fehler eines blinden Heroenkultus zu verfallen, durch ideengeschichtliche Betrachtungsweise nach dem Vorbild Meineckes, Diltheys, Troeltschs über die Darstellung des individuellen Lebens emporgehoben, bietet uns weit mehr als eine bloße Biographie. Hinsichtlich der Frage der Emanzipation der deutschen Juden aeht er nach rückwärts die Fäden bis zu dem Zeitpunkt, in dem die Französische Revolution die ideelle Forderung der persönlichen Freiheit und Rechtsgleichheit zur politischen erhob. Hinsichtlich der Frage einer deutschen Gesamtverfassung, in deren Geschichte Gabriel Rießer als Mitglied des Frankfurter Parlamentes einen so ruhmvollen Platz einnimmt, stellt er die Idee der Nationalsouveränität in den Vordergrund und zeigt, wie die Geister im Verhältnis zu ihr sich scheiden mußten. Aber auch nach vorwärts bis zur Gegenwart eröffnet er Ausblicke, die über sein eigentliches Thema hinausführen. Er weist "darauf hin, daß an dem allgemeinen kulturellen und wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands im neuen Reich durch werktätige Arbeit des bürgerlichen Mittelstandes das emanzipierte deutsche Judentum einen nicht geringen Anteil gehabt hat. Er geht an den Strömungen von Sozialismus und Zionismus nicht vorüber und erinnert daran, daß die eine die von Rießer angezeigten Grenzen der jüdischliberalen Entwicklung überschritt, die andere seiner Verneinung des Begriffes eines jüdischen Volkes direkt entgegenläuft. Er verfolgt die Geschichte der deutschen Einheitsbewegung von dem gescheiterten Versuch der Paulskirche an bis zu der Reichsgründung Bismarcks und bis zur Herstellung der Weimarer Verfassung. Er glaubt die Tatsache feststellen zu dürfen, „daß von der Verfassungsarbeit des deutschen Juden Gabriel Rießer feine Fäden zu dem Lebenswerk des deutschen Juden Hugo Preuß laufen". Was die streng biographischen Teile des vorliegenden Werkes betrifft, so ist die straffe Zusammenfassung der wichtigsten Daten des Lebens Rießers ebenso zu rühmen wie die kritische Analyse seiner Schriften und Reden. Entgangen zu sein scheint dem Verfasser, daß der Unterzeichnete in dieser Zeitschrift 1926, Heft k über den dritten Artikel der in den Konstitutionellen Jahrbüchern i843 und i8A4 gegen Bruno Bauer gerichteten Schrift Rießers, der dessen früherem Biographen M. Isler nicht zugänglich gewesen war, unter dem Titel „Judentum und Humanität" kürzlich Bericht erstattet hat. Von großer Wichtigkeit für die Schilderung der Tätigkeit Rießers im Verfassungsausschuß des Frankfurter Parlaments waren die aus dem Nachlaß Droysens 192& durch Rudolf Hübner veröffentlichten Aktenstücke. Bei Erwähnung des Eingreifens Rießers zum Schutz der Ehre von Börnes Freundin5 Jeanette Strauß, nach Veröffentlichung der Heineschen Schrift über Ludwig Börne, behan- 237