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Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 236

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
[Rezension]
Date
1927-06-01
Page
236 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen — i4&o nach christlicher Zeit. Gepriesen derjenige, der den Menschen durch Verstand, den Erdensohn durch Einsicht auszeichnet; gepriesen der, welcher seine Güte über uns walten ließ, in dieser allen Erdenbewohnern so nützlichen unvergleichlichen Erfindung. Sie ist unter allen sinnreichen Erfindungen seit den Tagen der Schöpfung die vorzüglichste. Diese Kunst ist nicht nur für die Verbreitung der Gottesgelehrtheit und der übrigen sieben Wissenschaften, sondern auch für die Erweiterung gemeinnütziger, das Erdenleben betreffender Kenntnisse von größter Bedeutung. Die Handwerker aller Art, die Goldschmiede, Baumeister, Holz- und Steinschneider und sonstige Gewerbsleute veröffentlichen und verbreiten tagtäglich durch die Presse neue vorteilhafte Entdeckungen, die den allgemeinen Fortschritt fördern." — Prag ist die erste Stadt Mitteleuropas, in der hebräisch gedruckt wird. Der Buchdruck wurde damals noch als Kunst, nicht als Handwerk ausgeübt. Daher kommt es auch, daß so wenige Bücher anfangs gedruckt wurden, und daß selbst zu einem Buche von geringem Umfang so viele Helfer benötigt wurden, deren Namen jedesmal besonders genannt werden. Die sozial gehobene Stellung der Buchdrucker ist innerhalb der großen Gemeinde beglaubigt. Sie sind Mitbegründer der Chewra Kadischa. — Der Aufsatz von Lieben ist auch noch dadurch von besonderer Bedeutung, daß am Schluß des Werkes acht Abbildungen von Originaldrucken hier zum ersten Male in künstlerisch vollendeter Form reproduziert werden. Man kann sich nicht satt sehen an der Kraft und Schönheit dieser Blätter, denkwürdige Zeugnisse eines gottinnigen Geschlechtes. Bei aller Sachlichkeit schwingt in ihnen eine leidenschaftlich bewegte Phantasie, bei aller Zweckhaftigkeit heben sie sich in das Reich jener Kunstgebilde, die selig in sich selbst erscheinen. — Dr. Käthe Spiegel führt uns in ihrem Beitrag „Die Prager Juden zur Zeit des Dreißig- {'ährigen Krieges" das Prager Ghetto vor Augen. Hin umfangreiches, bisher fast unbenutztes Quellenmaterial hat es der Verfasserin ermöglicht, in farbenkräftigen Zügen das Bild einer Welt vor uns hinzustellen, das immer von neuem ergreift, ob wir es gleich auch in den allgemeinen Linien schon vielfach kennen. Dr. Spiegel versteht bei aller Wissenschaftlichkeit der Darstellung den Reiz des Künstlerischen zu geben. Sie zeichnet meisterhaft Menschen- und Sachgeschehen und gibt den Vorkommnissen die Prägung des historischen Augenblicks Sie schildert die Judenstadt, das Leben im Ghetto, die Judengemeinde und die Besteuerung der Judenschaft, wobei die Einzelschicksale sich mit den Weltgeschehnissen verflechten und das Leben der Juden mit denen ihrer christlichen Mitbürger, freundlich und feindlich, bei allen äußeren und inneren Katastrophen eine Einheit bildet; denn die Gemeinsamkeit der Interessen und schließlich auch die Menschlichkeit überwinden oft genug das Trennende der Ghettomauern. Über das innere Leben dieser Menschen um 1619 geben sechsundvierzig Briefe Auskunft, die in einem Paket einem Boten zur Beförderung an Wiener Verwandte übergeben wurden. Die Briefe wurden ahm unterwegs entrissen und sind später veröffentlicht worden. Die Briefe zeugen, wie die Verfasserin sagt, von einem hohen Idealismus der Gesinnung. „Trotz der widrigen Umstände und materiellen Not wird der größte Nachdruck auf eine gute geistige Schulung der heranwachsenden Jugend gelegt." Auch was Dr. Spiegel über die Sprache der Briefe sagt, verdient festgehalten zu werden: „Die Briefe, welche, soweit sie nicht überhaupt in hebräischer Sprache abgefaßt sind, in deutsch-jiddischem Jargon mit hebräischen Lettern geschrieben sind, zeigen uns aber auch, wie sehr das Ghetto unter dem Einfluß deutscher Kultur stand. Wie ihre Herausgeber einleitend bemerken, entsprechen die Brief- und Stilformen jenen, die in den Briefen deutscher Bürgerkreise jener Zeit üblich waren. . . Wie sehr das deutsche Sprachgut den Juden jener Zeit eignete, zeigt Sarel Gutmann. In ihrer größten Not erinnert sie sich 'Naut brecht Eisen', und, als sie sich von ihren großen Sorgen befreit sieht, fühlt sie sich 'auf gut teitsch' wie neu geboren/' Die Prager Juden haben sich rückhaltlos in den Dienst der Verteidigung der Stadt gestellt, was auch vom Kaiser öffentlich anerkannt wurde. Sie halfen mit an der Schanzarbeit und versahen wie immer den Feuerwehrdienst. Sie haben dabei mehr Tote verloren als die Studentenkompagnien, die auf der Brücke den feindlichen Stürmen wehrten. Der letzte Aufsatz von Dr. J. Berge'l: „Die Ausweisung der Juden aus Prag im Jahre 174/1" behandelt ein Ereignis, das für das Lebensschicksal der Juden in Mittel- und Westeuropa bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts typische Bedeutung hatte. Schlicht, fast gedämpft, aber dadurch umso eindring- 236

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