Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Samuel Gompers
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 233 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895470-2897821--01953-2897959- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Samuel Gompers für die Aufrichtung freiheitlicher Institutionen kämpfen sollten. Die Arbeitgeber hatten damals ein Interesse daran, billige Arbeitskräfte aus Ost- und Südeuropa zu bekommen, um die Errungenschaften der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter hinsichtlich des Lohnes und der Arbeitszeit zunichte zu machen. Diese Politik bekämpfte Gompers aufs schärfste. Nach heutigen antisemitischen Vorstellungen hätte Gompers für unbeschränkte Einwanderung seiner „Rassengenossen" aus Osteuropa eintreten müssen. Daß er es nicht tat, daß er sich nur von den Interessen der amerikanischen Arbeiter leiten ließ, zeigt jedenfalls, — einerlei, wie man sein Verhalten beurteilen mag — wie wenig die Wirklichkeit dem antisemitischen Dogma entspricht. Gompers hat dann die ostjüdischen Arbeitermassen gewerkschaftlich organisiert und dafür Sorge getragen, daß sie amerikanisiert wurden. Er hat nie sein Judentum verleugnet, ob er gleich als Mann zu den religiösen Besonderheiten keine innigere Beziehung mehr gehabt hat. Dafür aber lebte in ihm etwas vom Geiste der Propheten: die Forderungen sozialer Gerechtigkeit erfüllten sein Herz und spannten seinen Willen. Auch in den dunkelsten Tagen der Armut — er hatte eine zahlreiche Familie — brachte er Opfer für die Sache, der er diente. Gefahr und Mühe spornten nur seine Energie. Persönlicher Ehrgeiz lag ihm fern. Er hat sich nie zur Führerschaft gedrängt. Was er dem Judentum verdankte, darüber hat er sich nicht ausgesprochen; es war ihm als mitgebrachtes Schicksal eine Selbstverständlichkeit, über die der Mann der Tat im stürmischen Ablauf seines Lebens sich nicht vergrübelte. Er hat sich national immer nur als Amerikaner gefühlt und ist auch von den Amerikanern nie anders als ein solcher empfunden worden. Unter seinen vielen Freunden, mit denen die gemeinsame Lebensarbeit ihn verband, finden sich auch eine ganze Reihe von Juden. Unter ihnen verdient besondere Erwähnung ein frommer Jude, David Lubin, Besitzer eines Warenhauses in Sacramento (Californien). Lubin hat nach langen Mühen und vielen Opfern mit Hilfe von Gompers das „Internationale Institut für Agrikultur" in Rom begründet — es war die einzige internationale Organisation, an der auch im Weltkriege alle Nationen, Freund und Feind, zusammenwirkten. Die Kapitel des 2. Bandes, in denen Gompers seine Tätigkeit im Weltkrieg schildert, kann man als Deutscher und Jude nicht ohne innere Bewegung lesen. Daß selbst ein so kühler und klarer Kopf völlig im Banne der Kriegsideologie der Entente stand, wirkt erschütternd. Daß der Jude und Gewerkschaftsführer Samuel Gompers sofort nach der amerikanischen Kriegserklärung von Wilson in das Ministerium berufen wurde, daß der Präsident der Vereinigten Staaten sich zu den Delegierten der „Federation of Labour' begab und in seiner Ansprache vor den Vertretern der Arbeit Samuel Gompers als Vorbild vaterländischer und staatsmännischer Gesinnung pries, — all das und vieles andre, was in der Kürze hier nicht erwähnt werden kann, liest man mit Wehmut und Bitterkeit, weil man unwillkürlich an unsere Judenzählung im Heere und an das Schicksal Walter Rathenaus denkt; und weil man gleichzeitig die ganze Tragik unsrer innerpolitischen Entwicklung in ihrem Verhältnis zur Arbeiterschaft erdrückend empfindet. 233