Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Samuel Gompers
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 232 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Goldstein zwei starken Bänden hat der Verlag nach dem Tode des Verfassers das schön ausgestattete Werk von über iooo Seiten herausgegeben. Eine Autobiographie großen Stiles, die sich „Siebzig Jahre Leben und Arbeit" betitelt.1) Persönliches und Sachliches sind zu innerer Einheit verwoben. Die schichte und lebendig gehaltene Darstellung greift weit über den Rahmen der amerikanischen Sozialgeschichte hinaus. Führende Persönlichkeiten vieler Länder ziehen an uns vorüber; der Tagesgrößen, die in den Wirtschaftskämpfen Amerikas und Europas eine Rolle gespielt haben, sind fast zu viele. Dem deutschen Leser liegen gewisse Partien des Buches etwas fern; trotzdem erlahmt das Interesse niemals, denn immer leuchtet ihm ein edles und tapferes Menschentum entgegen. Und dieses Menschentum ist von breiter, wuchtiger Realität; es verbindet die Tugenden des Juden, der in einem von jüdischer Lebensfrommheit erfüllten Elternhaus aufgewachsen ist, mit den Tugenden des Angelsachsen. Sein Lebensschicksal gestaltete sich aus den Notwendigkeiten der industriellen Entwicklung, die nach dem Bürgerkrieg in Amerika plötzlich und chaotisch einsetzte. Daß Gompers diese Notwendigkeiten begriff und ergriff, hat ihn zum Führer einer Organisation gemacht, die aus kleinsten Anfängen im Laufe der Jahrzehnte die Millionen der Arbeitnehmer eines Kontinentes umfaßte. Achtunddreißig Jahre hat er die amerikanische Trade-Union geleitet, hat er das wirtschaftliche und menschliche Schicksal der amerikanischen Arbeiter geformt und gebessert und hat er es verstanden in lang anhaltenden Kämpfen die amerikanische Gewerkschaftsbewegung freizuhalten von *) „Seventy Years of Life and Labour, York 19*5. E. P. Dutton & Co.. Mk. fia.—. der Verbindung mit dem Sozialismus. „Es ist eine interessante Tatsache, die jenen empfohlen werden mag, welche glauben, Sozialismus und Judentum wären eigentlich gleichbedeutend, daß der größte Gegner, dem der Sozialismus je begegnet ist, ein Jude war." Diese Bemerkung der Times (in ihrer Besprechung des vorliegenden Buches) ist wert, festgehalten zu werden. Gompers war reiner Gewerkschaftler; alles, was den Grundgedanken der wirtschaftlichen Organisation der Lohnempfänger verdunkeln konnte, bekämpfte er mit leidenschaftlicher Energie. Er war tolerant genug, jedem seine politische Überzeugung zu lassen — er wachte aber darüber, daß die Gewerkschaftsbewegung frei blieb von aller Parteipolitik. Er hielt sich am Erreichbaren; alles Schweifende, die Wirklichkeit Überfliegende wies sein harter Tatsachensinn ab. Er war wirtschaftlicher Realpolitiker, ohne den Adel der sittlichen Idee zu verlieren. Die Bedeutung seines Lebenswerkes faßt er einmal in die Worte zusammen: „Die Gewerkschaftsbewegung ist der konstruktive Beitrag der Arbeit zur demokratischen Regulierung der industriellen Massenproduktion." Nur die Interessen der Gewerkschaftsbewegung bestimmten seine Entscheidungen bei allen neu aufkommenden Fragen. Als in den achtziger und neunziger Jahren große Massen aus Ost- und Südeuropa nach Amerika einwanderten, war er der Erste, im Interesse der Lebenshaltung der amerikanischen Arbeiter Einwanderungsbeschränkungen zu fordern. Er verlangte, daß diese dem politischen Druck ausweichenden Menschen, statt nach Amerika zu entfliehen, in ihren Heimatländern an Autobiography by Samuel Gompers", New 232