Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 226

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Englisches Judentum
Date
1927-06-01
Page
226 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895470-2897820--01944-2897952
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Rudolf Stahl Form erlassen wurde (i858). Lionel Rothschild bekam nun den christlichen Zusatz erlassen, er leistete den Eid und schloß mit den Worten: „So wahr mir Jehova helfe!" In dem erwähnten Wahlkampf um die Parlamentszulassung brach auch ein getaufter Jude für seine ehemaligen Glaubensgenossen eine Lanze: Benjamin Disraeli. Dieser Mann, dessen Standbild neben denen der bedeutendsten Gestalten der englischen Geschichte in dem englischen Pantheon, der Westminsterabtei, steht, wurde eine der markantesten politischen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. In den siebziger Jahren Premier-Minister, legte er dem englischen Volke eine der kühnsten Wahlreformen vor, er zog als Politiker und Leiter einer konservativen Regierung, eine Reihe von Juden mit in die konservativen Reihen und ermöglichte es, daß noch heute große Teile der englischen Judenheit und besonders die sozial Hochstehenden der konservativen Partei angehören. So stammt der jetzige Besitzer des konservativen „Daily Telegraph" von Juden ab. Es ist nicht leicht, sich ein Bild von dem Verhalten der Engländer zu den Juden zu machen. Trotzdem z. B. Shaw behauptet, es gäbe in England überhaupt keinen Antisemitismus, sondern höchstens ein Massenvorurteil, wie es ein solches auch gegen Schottländer und Irländer gibt, konnte ich aus manchen Äußerungen englischer Juden schließen, daß es doch einen geheimen Antisemitismus in England gibt. Ich habe den Eindruck, als ob dies erst eine Errungenschaft der letzten Jahre sei, wo gewisse ostjüdische Elemente durch ihr Vordringen in die ihnen seit längerer Zeit offenstehenden gesellschaftlichen Vereine und Klubs, Universitäten und Geschäftszweige den Neid der Engländer erregen. Dieser Eindruck wird bestätigt durch ein Stück wie „Gesellschaft" von Galsworthy. Dort heißt es an einer Stelle von den Juden,: „Sie arbeiten fleißiger als wir, sie trinken nicht, sie sind ehrlich; und überall sind sie zu finden. Ich habe nichts gegen sie, aber Tatsache ist — überall setzen sie sich durch." Dagegen erzählte mir ein orthodoxer Jude von seinem Sohne, der im englischen Heere dient und streng rituell lebt, was allerdings auch im deutschen Heere möglich war. Aber er lebt nicht nur unangefochten, sondern sein Hauptmann läßt ihn bei den gemeinsamen Mahlzeiten neben sich sitzen, „damit er auch überwachen kann, daß der junge Mann seine richtige besondere Kost bekommt!" So widerspruchsvoll also der Eindruck ist, den man von der gesellschaftlichen Behandlung der Juden in England bekommt, so eindeutig ist der Eindruck der politis chen. Die englische Politik ist nicht antisemitisch und ebensowenig die englische Öffentlichkeit. — Für die Stellung des offiziellen England zum Antisemitismus sind zwei Vorkommnisse außerordentlich bezeichnend: Als im Jahre i883 der antisemitische deutsche Hofprediger Stöcker zu Luthers vierhundertjährigem Geburtstag in London in einem Meeting sprechen sollte, wurde ihm die Erlaubnis vom Bürgermeister entzogen mit der Begründung, daß „Mr. Stöcker zu den Menschen gehöre, denen kein Lord- Mayor im Stadthaus, in der City, wo viele geachtete jüdische Bürger wohnen, zu sprechen erlauben würde". Und als vor kurzem in einer Einwanderungsdebatte im englischen Unterhaus die Labour-Partei der konservativen Regierung Baldwin den Vorwurf des Antisemitismus machte, weil 226

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.