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Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 225

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Englisches Judentum
Date
1927-06-01
Page
225 (sequence 1)
Language
German
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Englisches Judentum Reiseeindrücke Von Rudolf Stahl Zu dem bekannten Wort: „Jedes Land hat die Juden, die es verdient", meint ein englischer Politiker: „Großbritannien verdient gute Juden, und hat sie auch im Großen und Ganzen bekommen." Dieses Wort scheint tatsächlich auf die englische Judenheit zuzutreffen — wenigstens wenn man ihr Verhältnis zu Staat und Gesellschaft betrachtet. Die Engländer haben es verstanden, von ihren Juden den Gebrauch zu machen, der für sie vorteilhaft war, und bei dem die Juden ebenfalls bestehen konnten. Es sei zunächst die staatsbürgerliche und gesellschaftliche Stellung der Juden in England angedeutet. Wenn auch die folgenden Schilderungen nur persönliche Reiseeindrücke wiedergeben sollen, so scheint es mir trotzdem nicht uninteressant zu sein, das Bild der heutigen englischen Judenheit durch einige geschichtliche Reminiszenzen zu vervollkommnen. Ich möchte deshalb aus der Geschichte der englischen Juden einige Tatsachen erwähnen, die mir zur Erklärung der heutigen Stellung der Juden in England wesentlich erscheinen. Nachdem die Juden nach einer vierhundertjährigen Verbannung aus England im Jahre i656 unter Crom well wieder dorthin zurückgekehrt waren und noch etwa 200 Jahre in mittelalterlicher Abgeschlossenheit dort gelebt hatten, setzte im 19. Jahrhundert die Emanzipation ein. Auch in England — wie anderwärts — war zunächst nur die Taufe „das Entreebillet zur europäischen Kultur". Deshalb ließen sich z. B. auch David Ricardo und Isaak Disraeli (der Vater des berühmten Benjamin), letzterer mit seiner gesamten Familie, taufen. Aber bald erkämpfte man sich den Zutritt zu den in England besonders angesehenen Berufen des Richters, Kommunalbeamten und Rechtsanwalts auch ohne Preisgabe des Glaubens. Besonders charakteristisch für englische Verhältnisse scheint mir der Kampf der Juden um die Zulassung zum Parlament zu sein. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden von den Liberalen zwei jüdische Abgeordnete gewählt, Baron Lionel Rothschild, ein Enkel des Mayer-Amschel, und David Salom o n s. Als sich nun die beiden weigerten, den Parlamentseid in der vorgeschriebenen Form, „nach dem wahren Glauben eines Christen" zu schwören, verwehrte man ihnen den Sitz im Parlament. Nach wiederholter Wahl suchte sich Salomons sein Recht zur Teilnahme an den Parlamentssitzungen zu erzwingen. Er verweigerte den christlichen Zusatz zum Eid, blieb aber gleichwohl im Haus und stimmte sogar mit ab. Erst als der Ordnungsbeamte seinen Arm berührte, um ihn zum Gehen zu veranlassen, entschloß er sich, zu weichen. Alsdann entspann sich ein parlamentarischer Kampf um die Zulassung der Juden zum Parlament und um die Eidesformel. Nach Ablauf von zehn Jahren endlich war ein Gesetz zustandegekommen, wonach den jüdischen Abgeordneten auf besonderen Beschluß des Hauses hin der Eid in der christlichen 15 225

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