Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Die Geschichte einer Bekehrung [Rezension]
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 223 (sequence 2)
- Language
- German
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Julius Goldstein: Die Geschichte einer fiekehrung sich schließlich seinem Dienste weiht — ein solcher Fall hat mehr als nur persönliches Interesse. Denn was sich in dem Leben dieses Mannes vollzieht, ist die seit Jahrtausenden fortgeführte geistige Auseinandersetzung zwischen Judentum und Christentum, aber weder mit den dialektischen Mitteln einer Religionsdisputation noch mit den verbrauchten Argumenten der üblichen Apologetik. Hier ist etwas anderes geschehen. Die seelische Gewalt des Judentums ergreift einen tief religiösen Menschen, der im Katholizismus aufgewachsen ist und wandelt ihn mählich auf allerlei Wegen und Umwegen zu einem gläubigen Juden. Es ist keine Bekehrung, wie sie sonst die Geschichte der Konvertiten zeigt: plötzlich, überwältigend, alles frühere hinwegreißend, alle bisherigen Bindungen lösend. Nichts dergleichen geschieht hier. Es ist ein langsames Hinreifen zum Judentum; der Weg zu ihm führt über zufällige Begegnungen mit Menschen und Büchern, führt über Studien und intellektuelle Krisen, in denen die letzten Fragen des Christentums mit aller Redlichkeit eines suchenden Geistes und aller Ehrfurcht eines gläubigen Herzens durchgefühlt und durchgedacht werden. Am Anfang dieser ganzen Entwicklung, deren Phasen das Buch schlicht und eindringlich schildert, steht ein überwältigendes Erlebnis: In seinem siebzehnten Jahr geht Pailliere ganz zufällig mit einem Freund in die Synagoge seiner Vaterstadt Lyon. Es ist Jom Kippur. Das Neila-Gebet wird gesagt. Was Pailliere hier ergreift und nicht wieder losläßt, ist nicht die Predigt, nicht die ihm damals noch unverständlichen Gebete: Es sind, die in ihre Sterbemäntel gehüllten, von der Weihe des Tages erfaßten Menschen, das Ganze dieser uralten Liturgien, in denen er die Jahrtausende des Judentums aufblitzend erschaut. „Les rites, les symboles, constituent souvent un langage plus expressive que les meilleurs discours. Les pratiques qui ont recus la consecration des siecles nous arrivent toutes chargees des pensees accumulees par les generations croyantes. Elles conservent une poesie, une puissance d'evocations incomparables; on peut les supprimer, on ne les remplace pas." (p. 34.) Dieses Neila-Erlebnis ließ ihn nicht wieder los. Er lernte als Autodidakt hebräisch. Die Sprache der Heiligen Schrift faszinierte ihn. Bei einem Antiquar am Rhöneufer entdeckt er eines Tages zufällig ein aus dem Jahre 1682 stammendes Buch, das den Titel führt: „Ceremonies et coustumes qui s'observent aujourd'hui parmy les Juifs, traduites de L'Italien de Leon de Modene, Rabbin de Venise". Mit heißem Bemühen dringt er in die Welt der jüdischen Ritualien ein. Er verschafft sich einen hebräischen Psalter, ein Gebetbuch und besucht öfters den Gottesdienst der Synagoge, „oü le manque de tenue contrastait fächeusement avec mes habitudes d'enfance". Seine Mutter entdeckt die von ihm selbst angefertigten Gebetsriemen. Es gibt eine schmerzliche Szene. Die gläubige Katholikin ist im tiefsten erschüttert, daß ihr Sohn sich dem Judentum zukehrt. Sie wendet sich an einen ihr bekannten Geistlichen, der ihren Sohn vor dem Abfall retten soll. Pailliere schildert dann die verschiedenen Methoden .und Menschen, mit denen man versuchte, ihn von der Beschäftigung mit dem Judentum abzubringen. Man erreichte das Gegenteil. Immer tiefer dringt er in die theologischen Streitfragen zwischen Judentum und Christentum ein. Er macht die Bekanntschaft eines Schweizer Protestanten, der 223