Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 84 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Goldstein: Irrtümer der Völkischen. Tode widerwillig anerkannt werden. „Le genie est le talent d'un nomine mort" Die nächste Generation wächst ihnen zu. Allmählich empfindet man ihr Werk als Ausdruck innerer Zeitnolwendigkeit Historiker und Literaten stellen dann fest, wie das Werk dieser Männer mit denen ihrer Vorläufer und Volksgenossen eng zusammenhing, daß ihr Werk daher durchaus den Stempel „deutscher Art" trägt. Und dann ist der Philister stolz auf sie, weil sie das auch von ihm verkörperte Volkstum darstellen.1) Das soll natürlich nicht bedeuten, daß diese Männer auch ohne das Gut und Erbe, ohne den Nährboden und die Wachstumsbedingungen des deutschen Volkstums ihr Werk, wie es vorliegt, hätten schaffen können. Aber auch Felix Mendelssohn und Gustav Mahler, auch Heine und Rathenau, Max Liebermann und Mombert stehen trotz ihrer besonderen psychologischen Note im Erbgang des deutschen Volkstums. Das Gleiche gilt übrigens auch z. B. für Bergson und Bizet, deren Werke nur aus dem Erbe französischen Volkstums erwachsen konnten. — Für ihren Kampf um die deutsche Art glauben die Völkischen auch Lessing als ihren Gesinnungsgenossen ansprechen zu dürfen. Sie behaupten, seine Motive im Kampf gegen das französische Drama seien die gleichen gewesen wie die Motive der Völkischen im Kampf gegen das Judentum. Welche Verblendung! Lessing, der anriet, sich darauf zu besinnen, wo der Patriotismus aufhört eine Tugend zu sein. Lessing, der Dichter des Nathan, der Freund Moses Mendelssohns und der Verehrer Diderots — Lessing wollte nicht gegen Voltaire, Corneille und Racine die „deutsche Art" wiederherstellen, sondern wollte das antike Drama, das er als Vorbild nahm, von der irrigen und verengenden Auffassung Voltaires befreien. Er erkannte, daß Hamlet, Lear und Othello der antiken Bühne in ihren wesentlichen Zügen näher stünden als die Dramen obgedachter französischer Dichter. Ich empfehle den Völkischen Diltheys Werk „Ueber das Erlebnis und die Dichtung", wo sie über Lessings Verhältnis zu Diderot und über die Bedeutung der Aufklärung für die deutsche Art vielerlei Nachdenkliches finden können. Lessing kämpfte nicht für das Deutsche, sondern für das Wahre. Und wer sich zu diesem bekannte, war ihm willkommen, ob Jude oder Christ x) „Nichts ist unberechtigter als der deutsche Nationalstolz, wenn er sich solcher Männer, wie Luther und Bismarck, Lessing und Goethe, brüstet. Sie alle sind gegen den Willen der Nation, von ihr bekämpft, anstatt von ihr getragen zu werden, mehr durch ihre undeutschen als durch ihre deutschen Charakter- und Geisteseigenschaften durchgedrungen." Hillebrandt, Zwölf Briefe eines ästhetischen Ketzers, p. 388. 84