Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 55

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften
Date
1927-04-01
Page
55 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895469-2897646--01743-2897731
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften tum geehrt sieht1) Ja, manchmal scheint er ein freudiges Bekenntnis zur jüdischen Religion ablegen zu wollen, ohne Vorbehalte und Hintergedanken. Dann aber kommt wieder eine gewisse Hinneigung zum Christentum und zu christlicher Denkweise zum Durchbruch, daß man kaum weiß, ob er noch als innerhalb der jüdischen Religion stehend betrachtet werden kann. Diese Unsicherheit im Jüdischen ist erklärlich. Wenn wir auch oben schilderten, daß Rathenau für heutige Verhältnisse über seine Religion, ihre Geschichte, Literatur und Glaubenslehren einigermaßen unterrichtet war — alles das blieb viel zu sehr im Bereich des Wissens, der rein verstandesmäßigen Bejahung. Rathenau hat wohl nie an dem eigentlichen religiösen Leben des Judentums teilgenommen. Hat er je einen Freitagabend gefeiert? Hat er einmal unsere Bußgebete gesprochen und den Jaum Kippur gefeiert? Wir glauben es nicht Das lag wohl weniger an ihm als an dem Elternhaus. Er wuchs, wie leider gerade viele bedeutende Juden in einer Umgebung auf, die aus ihrer Zugehörigkeit zum Judentum kein Geheimnis machte, aber so gut wie ohne religiöse Übung lebte und freiwillig auf die Gefühlswerte verzichtete, die aus der Einstellung des Einzelnen und der Familie in die Symbolik der Religion, in ihren Jahresablauf und ihr Ritual zu gewinnen sind. Man muß sich eher wundern, daß solche Männer unter diesen Voraussetzungen noch so stark am Judentum hängen wie Rathenau. Vielleicht kann man es nur erklären, wenn man annimmt, daß in uns allen die Erfahrungen, Gefühle und Geschicke der vergangenen Generation ein Erbgut bilden, das erst in vielen Geschlechtern vergeudet werden kann. Als ein solches Erbgut muß vieles im Wesen Raihenaus betrachtet werden, das scheinbar nichts spezifisch Jüdisches an sich hat Es kann nicht zweifelhaft sein, daß sein Optimismus, seine Geistigkeit, sein soziales Gefühl, sein Zukunftsstreben, das fast Messianismus genannt werden darf, aus jüdischem Erbgut hervorquellen. Das unbewußt Jüdische in seiner Persönlichkeit überwiegt vielleicht das zum klaren Bewußtsein Hervorgetretene und macht ihn zu dem aktiven Sozialethiker, als den er sich selbst betrachtete. Dieser Mann ist als ein tragisches Opfer seines Wesens gestorben. Deutschtum und Judentum, er hatte sie in sich vereinigt Aber das deutsche Volk war in großen Teilen noch nicht dafür reif, eine solche harmonische •i) Vgl. Briefe Nr. 92, 516, 649. 55

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.