Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1 (April 1927)
- Article
- Walter Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 54 (sequence 10)
- Language
- German
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Ernst Jacob überwältigende Mehrzahl der deutschen Juden, unter ihnen viele, deren Vorfahren seit ungezählten Jahrhunderten in Deutschland leben, hat nur ein einziges Nationalgefühl: das deutsche. Wir wollen wie unsere Väter in Deutschland und für Deutschland leben und sterben. Mögen andere ein Reich in Palästina begründen —: Uns zieht nichts nach Asien." Er hält den Zionismus für den Ausdruck oppositioneller Kräfte im Judentumx), die nichts Positives bringen. Denn eine grundsätzliche Lösung der Judenfrage liegt in der Ansiedlung einzelner Juden in Palästina ebensowenig wie in der Rückkehr des Judentums zu einem Staatssystem; „diese Rückkehr bedeutet einen Anachronismus von mehreren Jahrtausenden. Die Judenfrage ist nur lösbar durch allgemeines Fortschreiten der Sittlichkeit, der Welt und ihrer Einrichtungen".2) Noch in einem seiner letzten Briefe erteilt er einem Zionisten, der, wie es scheint, seine Unterstützung für das Aufbauwerk nachsuchte, eine Absage, in der er höflicherweise sein Interesse bekundet und den Wunsch, sich gelegentlich durch eine Reise ein eigenes Urteil zu bilden, auspricht: „Bevor ich in die Verhältnisse eigenen Einblick genommen habe, kann ich mich nicht zu einer Stellung entschließen." 3) Ließ sich von einem Juden, der sich bis in den Tod zum Deutschtum bekannte, eine andere Stellung erwarten? Der deutsche Jude Walter Rathenau. Wir sehen aus dieser Zusammenstellung seiner Äußerungen das Bild der Persönlichkeit vor uns emporsteigen. Ihr Deutschtum ist unantastbar, bewährt in Schrift und Rede, Leben und Tod. Es läßt sich durch alle Anfeindungen nicht beirren und bildet die unverrückbare Grundlage seines Wesens, auf der alle seine Gedanken und Handlungen im letzten ruhten. Zweifelhafter und unklarer ist die jüdische Seite dieses Charakters gewesen. Auch hier steht fest der Wille, nicht das Judentum zu verlassen. Aber dieser Wille nährt sich aus nicht immer gleichartigen Gefühlen; bald ist es nur Trotz gegen die Judenfeindschaft und das Bewußtsein, daß es ehrlos sei, eine belagerte Festung zu verlassen. Manchmal erhebt sich in ihm der Stolz auf eine Gemeinschaft, die der Welt so viele große Gedanken und Männer gestellt hat Dann freut er sich auch über jeden Erfolg, den ein Jude erreicht hat, weil er dadurch das Judeni) Briefe Nr. 491. — -) Briefe Nr. 605. — 3) Briefe Nr. 704. 54