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Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 36

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
Der Psalter
Date
1927-04-01
Page
36 (sequence 14)
Language
German
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Rudolf Hallo: Der Psalter Man muß diese vier Bücher in einem Atemzuge lesen, um zu wissen, wohin „Sammlungen" zielen. Jeder Psalm ist ein Gebet: was sollte ein Sammler anderes aus i5o Psalmen machen, als ein Gebet? Jede Zeile, die Schiller in seine Bücher aufnahm, war ein Gedicht: Was sollte er anderes aus ihrer 7 5 machen, als — ein Gedicht? Unerheblich, blaß, sind die subalternen Verkettungen, die auch in diesen Büchern aufzudecken sind, Gattungsverwandtschaft, Zweckverbundenheit, Versgleichheit, all jene Dinge, die die Schillerphilologie schon 1890 deutlich durch Kettner festgelegt hat Aber daß die vier Bücher ein unendlich großes und leidvolles Gedicht sind, das ist ihr verschlossen geblieben. Und doch fängt es in seiner erschütternden Resignation mit dem „Mädchen aus der Fremde" an. Dann erst folgt das Lied an die Freude, dann erst die Dithyrambe und das Siegesfest Und das erste Buch klingt aus „Friede sei ihr erst Geläute". Das zweite Buch — den mittleren des Psalters entsprechend — steigt in die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit „Er schaute mit vergnügten Sinnen auf das beherrschte Samos hin", steht am Anfang; — „Nimm dieses Kreuz, es ist der Lohn der Demut, die sich selbst bezwungen", am Ende! Immer weiter weicht der Dichter aus der Welt zurück, „Sänger der Vorwelt" heißt das erste Gedicht im dritten Buch, „daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt", sind seine letzten Worte. Und mit der „Macht des Gesanges" und „Sängers Abschied" scheidet sich im vierten Buch der Dichter von den Menschen; er tritt, das große Auge auf die Welt gerichtet, zurück in jene Fremde, aus der er eine Weile kam. „Nicht länger wollen diese Lieder leben, als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut" Als bis, das heißt: als noch. Das sind die Worte, die Schiller, der Verkündiger der Freude, dem Tode furchtbar nahe, einsam ans Ende seiner Sammlung stellte. Das ist zwar um die Weite einer vollen Wendung dem hymnischen Gesamtchor des Psalterschlusses entgegengesetzt und liegt wie ein Schleier über einer unendlichen Liebe; aber dies Herausgehen des liebevollen Menschen aas der Welt berührt sich in einer ganz tiefen Empfindung mit jenen Worten, die die Geschichte von Moses dem Lehrer beschließen: Und da ist kein Mensch, der sein Grab wüßte bis auf diesen Tag. 36

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