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Der Morgen · 1927-02-01 · Heft 6 (Februar 1927) · p. 622

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 6 (Februar 1927)
Article
[Rezension]
Date
1927-02-01
Page
622 (sequence 2)
Language
German
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Besprechungen mächtiger Beschämung — die „Verflechtung des Einzelnen in das organisierte Unrecht", der Zwang, immer wieder Kompromisse schließen zu müssen. Daran aber, „am Sichabfinden» lassen, stirbt die Kraft der Seele am leichtesten". Die Frage, ob man sich mit diesen Erscheinungen als Anzeichen des „Untergangs" abfindet, oder zwischen den Trümmern neue Keime sieht, Anfang und Werden, ist — so sagt Gertrud Bäumer — „keine Frage der Geschichtsphilosophie, sondern des eigenen Lebensgefühls". Es wird nun dargelegt, wie die Frauen von dieser Kulturkrisis in ganz besonderem Maße und in besonderer Art erfaßt und berührt werden, und wie aus der Notwendigkeit, sich an dem zivilisatorischen Leben — dessen Werden die Frauen nicht mitgestaltet hatten — einen Anteil zu erkämpfen, die Frauenbewegung sich entwickelte. „Heute stehen sie (die FrauenJ in Reih und Glied, aber der Kampf um das Schicksal der Seele gegen die Mächte der Zivilisation ist für sie in vieler Hinsicht schwerer und kritischer". In den beiden folgenden Abschnitten setzt sich Bäumer mit dem sexuellen Problem und der Berufskrisis auseinander. Die Welt der Triebe spielt heute — vielfach aus Angst, daß der Atem des Lebens sonst nicht gespürt werden könne — eine übertonte Rolle. „Viel Tod" gibt es in dieser Welt: Verflachung und Vergröberung, das Sichbegnügen mit Surrogaten, während „die geheimnisvolle Einheit von Liebe und Mutterschaft" nicht mehr gefühlt, die „Bestimmung zur Totalität" nicht mehr erfaßt wird. Und so entsteht die Gefahr, daß neben der Verkennung des Wesens der Erotik auch der Sinn für ihre Würde bedroht ist. Wo gibt es in diesem Bereich Möglichkeiten der Gesundung, zur Oberwindung dieser Krise? Entscheidend ist, ob man dem Leben, das „Schwergewicht einer Verantwortung" zu geben bereit ist, einer Verantwortung, die — unabhängig von äußeren Zwecken — ihren Sinn empfängt von der religiösen Forderung: „Ihr sollt vollkommen sein." Für die heranwachsende Frauengeneration, deren besondere sexuelle Nöte nicht verkannt werden, kann die größere Selbständigkeit und Unabhängigkeit — im Vergleich mit früheren Frauengenerationen — einen Halt bedeuten, wenn ihr aus dieser inneren und äußeren Freiheit durch ein bewußtes Erfassen weiblicher und mütterlicher Verantwortung ein aktives erotisches Ideal erwächst. Auch in den Beengungen und Bedrohungen, die die Berufskrisis in sich trägt, findet die Verfasserin Ansätze, auf denen sich aufbauen läßt. Lebendig machen lassen sich die hier schlummernden Werte freilich weder durch Skepsis undUnentschlossenheit, noch durch Radikalismus oder sentimentale Romantik, sondern durch nüchterne, tapfere, tätige Bejahung des Berufes, Anerkennung für „Würde und Größe der Sachlichkeit". Und durch den Glauben, daß gerade der Sphäre des Berufslebens noch tausende von Möglichkeiten innewohnen, die mit Sinn und Leben erfüllt werden können. Hier geht die Frauenaufgabe parallel, „ja ist Teil der großen Bewegung zur Erneuerung unserer Gesellschaftsorganisation aus dem Mittelpunkt des Seelischen heraus". In einer anderen Besprechung dieser Broschüre wurde Gertrud Bäumer „mangelnder Optimismus" vorgeworfen. Unser kulturelles Leben, so hieß es dort, befände sich heute in keiner Krisis, sei sieghaft und verheißungsvoll. Dieses Urteil ist in doppelter Hinsicht unverständlich. Einmal, weil aus ihm ein sehr oberflächliches Hinwegsehen über die tiefen Schäden und inneren Nöte unserer Zeit spricht, zum anderen aber, weil der Grundton der Bäumerschen Ausführungen durchaus optimistisch ist. Fast möchte man sogar sagen, daß er zu vertrauensvoll klingt, oder besser: Bäumer baut darauf auf, daß das Schicksal der kulturellen Entwicklung von der Kraft der Frauen abhängt. Von der Kraft ihrer von einer geistigen Mitte her bestimmten Persönlichkeit, von der Kraft, dem Gebrause des Lebens Ruhe und Sammlung entgegenzusetzen, die Vielheit der Ideen in eine Einheit zu ordnen. So nur — nicht durch die vielen, die in Kompliziertheit und Chaos immer wieder versinken — kann der „zivilisatorische Fluch" überwunden werden. Wie und wie weit hier die objektiven Religionen und vor allem die Entfaltung des „subjektiven religiösen Organs" richtunggebend zu sein vermögen, wird im letzten Abschnitt wundervoll gedeutet. Und hier wird auch nochmals — durch ein Wort der Bibel — ausgedrückt, daß es von der eigenen freien sittlichen Wahl eines Jeden abhängt, ob die Richtung des Lebens aufwärts oder abwärts geht, „müde" oder „lebendig" wird. „Siehe, ich lege Dir heute vor Segen und Fluch, den Tod und das Leben, so wähle denn das Leben." Die Frau, deren Gattungsbestimmung es ist, das Leben zu tragen, zu schützen, zu ent- 622

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