Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 621 (sequence 3)
- Language
- German
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Besprechungen Marxismus als „abgebalgtes Urchristentum" bezeichnet.1) Parallel mit der bereits widerlegten Beweisführung über die von den Juden in böswilliger Absicht betriebene Propaganda für russische Literatur geht nun auch jene, die sich mit Judas doloser Verbreitung des Bolschewismus beschäftigt. Für die jüdischen Anhänger dieser Richtung gilt dasselbe wie für die ersten Juden, die Christus nachgefolgt sind. Nur mit dem Unterschied, daß durch die jahrhundertelange Verfolgung und Unterdrückung der Juden in vielen Kulturstaaten der Boden für das „um ein Stockwerk tiefer verlegtefc Christentum besser vorbereitet war, vielleicht auch gerade deshalb, weil es ein Stockwerk tiefer liegt, d. h. nicht lebensfeindlich ist. Den Juden, deren konservatives Festhalten an den Gesetzen, überhaupt an allem Althergebrachten bis in die äußerlichsten Formen nicht geleugnet werden kann, ist die bolschewistischeTendenzder Zerstörung alles Bestehenden durchaus wesensfremd.2) Wenn sie sich nun trotzdem, nicht allzu zahlreich und nicht in ihren wertvollsten Schichten dieser Richtung in die Arme werfen, so sind die wesentlichen Gründe hierfür: Feindselige Haltung jener ihnen innerlich verwandten und maßgebenden Kreise und Unmöglichkeit eines Vorwärtskommens auf den wichtigsten Gebieten des Staatslebens. Diejenigen Staaten, in denen die Juden am stärksten unterdrückt worden sind, stellen das größte Kontingent an jüdischen Radikalen. Es ist eine schmerzliche Erkenntnis, daß selbst ein so scharfer und originaler Denker wie Sir G a 1 a h a d , der die großen Zusammenhänge im Weltgeschehen klar überblickt und die hohe Kulturstufe des Judentums so objektiv anerkennt, in den alten Überlieferungen von der „jüdischen Gefahr" und dem „jüdischen Marxismus" befangen ist. Sein Kampf gegen Rußland gilt — wie schmeichelhaft für dieses verhältnismäßig kleine Häuflein — den Juden, diesem ewigen, gefährlichsten Feind, der sich in diesem Fall nur die Maske des „russischen Vernunftidioten" umgebunden hat. Dadurch erfährt die russische Gefahr, auf die die Aufmerksamkeit doch konzentriert werden soll, eine starke Ablenkung, ja, verliert an Bedeutung und an Klarheit der Gestalt, spitzfindige Trugschlüsse, unsachliche Voreingenommenheit und eine geradezu unerklärliche partielle Beschränktheit verdunkeln unerhört Geistvolles — mit großem Bedauern sieht man das wertvolle Gedankengebäude Sir Galahads durch sein minderwertiges Fundament bis in die Spitze hinauf erschüttert. Und daß man es gerade wegen eines derartigen Fundamentes angreifen muß, erweckt ein Gefühl der aufrichtigsten Betrübnis. Frieda Wittkowsky. Gertrud Bäumer: Die Frau in der Krisis der Kultur. Schriftenreihe der Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit in Berlin, Heft z. F. A. Herbig, Verlagsbuchhandlung G.m.b.H. Berlin 1926. Preis broschiert 1 Mk. Ein Vortrag, den Gertrud Bäumer im vergangenen Jahr im Rahmen eines Zyklus der Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit hielt, liegt dieser Broschüre zugrunde. Um ihren Grundton anzudeuten, sei das Wort vorweggenommen, mit dem Gertrud Bäumer ihre Ausführungen schließt. Worte der Marie D'Agoult — Mutter der Cosima Wagner: „Ich höre jammern und die Gegenwart anklagen: Alles geht abwärts, alles wird müde, alles stirbt. Ich schaue zu, ich horche auf, ich höre das Klopfen meines Herzens, und ich antworte: alles geht aufwärts, alles verwandelt sich, alles wird leben-, dig. Wer hat nun recht? Wer täuscht sich? Das tiefe Wort eines großen Schriftstellers mag den Widerspruch lösen. In dieser Zeit, schreibt Chateaubriand, gab es viel Tod, weil es viel Leben gab." Mit schweren klaren Linien tritt aus dem Kulturbild der Gegenwart das hervor, was versteinert und tot ist, was — im Unterschied zu anderen Geschichtsepochen, in denen Krisis „Kampf der Weltanschauungen" bedeutete — „den Lebenssinn selbst angreift und verdunkelt", die Seele bedroht: die alles durchdringende Technik, die die Arbeit entseelt, die zu einer Künstlichkeit der Lebensweise und „Verflachung und Versachlichung der menschlichen Beziehungen" geführt hat. Dazu der Kapitalismus, und — wer fühlte das nicht in ohn-!) Vergl. auch Heinrich Levy-Koref: „Karl Marx und Hegel", Berlin, Philo- Verlag 1925. 2) Sir G a 1 a h a d zitiert selbst die bereits von Peter dem Großen abgeschaffte, urrussische Tracht des Kaftans und der Bartlocken, die nur von den Juden beibehalten wurde. 62X