Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 617 (sequence 1)
- Language
- German
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Besprechungen Dr. H. Prager: Die Weltanschauung Dostojewskis. Verlag Franz Borgmeyer, Hildesheim. In der immer höher anschwellenden Dostojewski-Literatur unserer Tage nimmt das Buch Hans Pragers schon durch die Aufgabe, die es sich gestellt hat, eine besondere Stellung ein. Vielleicht nur die Schriften Thurneysens und Natorps versuchen in weit geringerem Umfang etwas Ähnliches. Pragers Buch bildet ein genaues Gegenstück zu dem anderen, jüngst erschienenen deutschen Dostojewski-Buch: dem Meier-Gräfes. Bei Meier-Gräfe ist künstlerische Fülle aus der Leidenschaft des Anschauens, bei Prager ist gedankliche Tiefe und strenger konstruktiver Zusammenhang aus der Leidenschaft des Nachdenkens. Er hat es unternommen, die Weltanschauung Dostojewskis als philosophisches System aufzuzeigen, und wenn er dabei selbstverständlich und bewußt die Fülle künstlerischer Gestaltung opfern muß, so ist ihm doch das Erstaunliche gelungen, das Leben des Dostojewskischen Werkes und selbst seiner einzelnen Gestalten nirgends — fast nirgends — zu vergewaltigen. — Denn wenn er auch die Gestalt des Dichters nicht als runde plastische Bilder aus dem Lebensganzen, das sie umwogt, hervortreten läßt, wie es Meier-Gräfe tut, uns damit in jedem Augenblick die künstlerische Schöpferkraft Dostojewskis vergegenwärtigend — wenn Prager vielmehr die Gestalten rein in ihrer denkerischen Bedeutung gibt, so ist doch das, worauf es ihm in Dostojewskis Denken ankommt, gerade nicht das bloß Gedankliche, sondern das Leben seines Denkens, der Strom des lebendigen Geistes, der sich in seinen Werken in die Welt gießt. Und so gestaltet sich der Ideenzusammenhang, den er in Dostojewskis Gestalten vor uns aufbaut, weit über alles nur Gedachte hinaus zu dem großen hinreißenden Zug der Menschheit aus dem Dunkel in die Erlösung. An den vier Hauptwerken Dostojewskis, Raskolnikoff, den Dämonen, dem Idioten, den Brüdern Karamasoff, wird in einer Art Hegelscher Dialektik das eigentümliche Hervorgehen der einen Gestalt aus der anderen entwickelt, die zugleich jedesmal eine Überwindung und Überhöhung der vorausgegangenen bedeutet. Nur daß es eben nicht wie bei Hegel Gestalten des objektiven Geistes, sondern menschliche Gestalten sind, die hier auseinander hervorgehen und einander überwinden; Gestalten, die nicht reine Ideen, sondern lebendige Verwirklichung von Ideen sind. In einer großartigen Stufenfolge steigen so die Ideenträger Dostojewskis vor uns herauf — jeder, wie fern auch der Erlösung, ein Stadium der Verwirklichung seines großen Erlösungstraumes: ein Stadium der Darstellung und zugleich der Überwindung des luziferischen principium individuationis mit all seiner Schuld und Qual: des Insichgefangenseins, der Lieblosigkeit, die für Dostojewski die Hölle selbst ist — jede ein Schritt vorwärts, aufwärts aus dem Reich der Dämonen, der von der Ganzheit des Lebens abgelösten Mächte, dem Gottesreich der Liebe entgegen. Es ist eine bedeutsame Einsicht Pragers, daß zu der Verwirklichung dieses großen Liebesreiches auch noch der einsame Heilige — auch er als Vereinzelter noch schuldig vor dem Leben — überwunden werden muß. Das Scheitern Myschkins, das Meier-Gräfe ab zufällig beklagt, ist so für Prager eine unerbittliche Konsequenz der Dostojewskischen Weltanschauung — nicht anders als der Verwesungsgeruch des heiligen Staretz. Denn hier ist keine individuelle Nachfolge des nur ein einziges Mal erschienenen Erlösers möglich. Nur allgemeinsam kann in der Zukunft die Erlösung geschehen. „Es gibt keinen zukünftigen Erlöser; es gibt nur eine werdende 617