Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Der Jude in der Musik
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 593 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jude in der Musik Choral-Passion treibt natürlich noch kaum eine Personencharakteristik, aber mit dem Augenblick, in dem die sogenannten „turbae" — d. h. mehrstimmige Chorsätze für die Wiedergabe bestimmter Äußerungen des Volks, der Priester, der Kriegsknechte — in die Passionskomposition einziehen, beginnt auch schon die äußere Malerei, der Versuch des innern Konterfeis der jüdischen Hohenpriester, der jüdischen Volksmenge. Kretzschmar*) glaubt schon in der Passion des Weimarer Kantors Melchior Vulpius von i6i3 in den Turbae-Sätzchen „Laß ihn kreuzigen", „Kreuzige ihn", „Hinweg mit dem" nicht bloß entschiedenen Situationscharakter zu erkennen, sondern „in der etwas übertriebenen Beweglichkeit" auch die Andeutung des besonderen jüdischen Elements. Und solche realistischen Züge finden sich verstärkt in den drei als echt anzusprechenden Passionen nach Matthäus, Lukas, Johannes (die nach Markus ist ja zweifellos unecht) des großen Heinrich Schütz, einer der feinsten und tiefsten Seelenmaler aller Zeiten, eines Musikers, bei dem sich „menschlich Gebild" in einer Wahrheit und einer Mannigfaltigkeit findet wie nur bei irgend einem großen Meister der bildenden Kunst Es ist ja bedenklich, in Schütz' unerhört reicher und wechselnder musikalischer Charakteristik dessen, was im Innern der Hohenpriester und Schriftgelehrten, des fanatisierten Volks vorgeht, die Absicht festzustellen, Schütz habe etwas spezifisch Jüdisches kennzeichnen wollen: vor allem "Volk ist ja immer „Idealvolk", zu allen Zeiten und in allen Nationen dasselbe, Pöbel, der in hundert Formen, aber hundert typischen Formen sein Opfer peinigt Aber es ist unbestreitbar, daß Schütz in der Matthäus-Passion seinem Judas ein besonderes Profil gibt: Judas pflegt einer lebhafteren Rede, er liebt Wort- und Phrasenwiederholungen, denen sich wohl eine spezifische Färbung geben ließe: Was wolle ihr mir ge ben, was wollt ihr mir geben? Idi, idi will ihn eudi verraten. Und man mag vielleicht sagen, daß der Versuch des Musikers, menschliche Heuchelei zu zeichnen, eine wahre Absicht hinter Diplomatie zu verstecken, von selbst auf gewisse Kontorsionen des Ausdrucks führe — aber in halb gemessenen, halb verlegen eifrigen Wendungen wie (Matthäus-Passion): Führer durch den Konzertsaal. 593