Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Zwei Legenden
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 579 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwei Legenden und in erhabener Gleichgültigkeit da, and seine tiefblauen Augen kannten noch nicht die Dinge dieser Welt f Da sprach Abujas Frau: „Lade doch auch die Männer der Lehre zu unsenn Fest, daß unsre Ehre vergrößert werde," und er ging und lud die Männer der Lehre und es kamen Rabbi Josua und Rabbi Elieser mit ihren Schülern. Da nun die Geladenen bei Tisch saßen und sich erfreuten an Speise und Trank, begannen sie allerlei Gespräche von Handel und Wandel, von Politik und Handwerk und Seefahrt, jeder von dem, was seinem Herzen am nächsten lag. Abuja aber dachte bei jedem Wort des Kindes, das so ahnungslos fern dahinten schlief und sah in allem nur eine Möglichkeit zu Macht und Größe seines Sohnes. Indem nun alle so durcheinander redeten, begannen Rabbi Josua und Rabbi Elieser sacht miteinander zu sprechen von der Lehre, und kehrten aus all dem Lärm mit ihren Gedanken zu der stillen Quelle, deren Hüter sie waren. Als die Schüler sahen, daß die beiden Lehrer miteinander redeten, brachen sie ihre Gespräche ab, ließen die Hände ruhen am Tisch und lauschten ehrfurch tsvolL Und die beiden sprachen mit halblauter Stimme, in halben Worten und Andeutungen, wie sie aus täglicher Vertrautheit sich verstanden, ruhevoll sitzend und mit gelassenen Gebärden- Doch wie sie tiefer drangen in den Gegenstand, weiteten sich ihre Züge in stiller Inbrunst, die aufgerichtete Gebärde ihrer Hände wurde wie goldne Tempelleuchter und ein Ton, schwirrend wie Metallklang, machte ihre Stimmen eindringlich, so daß ringsum die bunten Gespräche blaßten, schrumpften und verstummten. Abuja aber dachte an seinen Sohn. Und er sah in dem Schweigen imd Lauschen ringsum, wie ein feuriges Himmelslicht die Häupter und Gestalten der beiden Lehrer umfloß und sie wußten es nicht, denn sie sprachen miteinander von der Lehre. Da dachte Abuja in seinem Herzen: dies ist die größte Macht und der höchste Glanz, eine Ehre vor Gott und den Menschen,. — und er beschloß, seinen Sohn, der unberührt dahinten schlummerte, der Lehre zu weihen. An zweierlei aber dachte Abuja nicht:, an die Seele seines Kindes und an die Heiligkeit der Lehre, davon die Weisen sagen: gebrauche die Lehre nicht als Krone, damit zu glänzen. — Und es wird erzählt, um dieses Vergessens willen schlug die Lehre nicht die letzte und starke Wurzel der Demut im Herzen des Sohnes und Elisa ben Abuja wurde aus einem ruhmvollen Lehrer der unglückliche Verräter Acher. 39 579