Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 568 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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B.Jacob dort hört, so muß er auch von dort sehen also bereits urteilen können. Es ist auch nicht bloß ein Ausdruck für die Gewissenhaftigkeit des Richters, der noch einmal eine Probe machen will, sondern gerade solche Eröffnungen sollen dem Fürbitter nur Gelegenheit geben, das Wort zu nehmen, selbst wenn sie wie später bei Mose scheinbar schon wie ein fester Beschluß klingen. Dieser Fürbitter soll hier Abraham sein. „Sollte ich dem Abraham verbergen, was ich zu tun gedenke?" Während also die Katastrophe der Sintflut oder die Sprachenverwirrung und die Begnadigung nach der Sintflut noch von Gott im Himmel allein beraten und beschlossen wird („Gott sprach in seinem Herzen") wird hier zum ersten Male einem Menschen Gelegenheit gegeben, sich vorher von der Gerechtigkeit des göttlichen Urteils zu überzeugen, d. h. mit Abraham ist der Mensch in den göttlichen Rat aufgenommen. Das göttliche Selbstgespräch ist in eine Zwiesprache und Beratung mit einem Menschen umgewandelt Dazu aber wird kein anderer erwählt als Abraham, der „ganze" Mensch, den Gott berufen hatte, „daß er seinen Kindern und seinem Hause nach ihm Weisung gebe, daß sie den Weg Gottes wahren, Tugend und Gerechtigkeit zu üben", den er mit der Namensänderung und der Beschneidung zu den Seinigen erhöht hat Und zwar gesteht ihm Gott in seinem Gerichtsrate die Rolle des Verteidigers und Fürbitters zu, dem er im Herzen selbst beistimmt Das ist der wahre Sinn dieser herrlichen Erzählung und der Verheißung: „In Dir sollen sich alle Geschlechter der Erde segnen! Sei ein Segen!" Er ist es als Anwalt für die Menschheit und ihrer durch Lasterhaftigkeit bedrohten Kultur. Der wahre Jude kann den Gedanken nicht ertragen, daß sie zugrunde gehen sollen. Er soll die Stimme der Menschlichkeit sein, der geborene Verteidiger. Er ist dazu auserwählt, für Milde zu plädieren. Demnach ist der Besuch der Gottesboten, mit dem die Erzählung beginnt, nicht dazu da, die Geburt Isaaks zu verkündigen, denn davon wissen die Eltern bereits, noch die Gastfreundschaft Abrahams ins Licht zu stellen, so lebendig und reizvoll diese Szene auch ist, sondern alles dies ist nur Einleitung und Gesprächsanknüpfung. Aber die Fürbitte muß vergeblich bleiben. Die Verderbnis ist zu groß. So verherrlicht die Verhandlung auch die Gerechtigkeit Gottes, da selbst der Verteidiger, obgleich immer wieder zu Worte gelassen, nichts mehr zu sagen weiß. Denn ihrer sonstigen Bosheit setzen die Sodomiten durch ihr schmachvolles widernatürliches Gelüste, dem die ganze Stadt von groß bis klein verfallen ist und das selbst das geheiligte Gastrecht nicht achtet, die Krone auf. 568