Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Das christliche Ghetto
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 561 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Das christliche Ghetto Wer nicht in vorschriftsmäßiger Kleidung das Ghetto verläßt, den „schlagen sie mit Schuhen und versetzen ihm Faustschläge in den Nacken, daß er fast zu Tode kam". Wer nun notgedrungen in dem Gewände des Narren in Christo erscheint, den spottet man aus mit den Versen der Dichter: Statt Turbanen hätten sie sich alte Schuhe auf den Kopf gesetzt Das alles findet sich in den Berichten des arabischen Chronisten. Vielleicht würden die Ghettochristen all das in ihrem Herzen verwunden haben, wenn man ihnen die Gemeinsamkeit des religiösen Lebens gelassen hätte. Wenn der Sturm in den Gassen von Babylon raste, fing er sich in den vielen kleinen Kirchen, die mit so. viel Zärtlichkeit geschmückt waren. Die islamischen Kirchenstürmer trafen hier mit Sicherheit die Zentren der gemeinsamen Not und des verwerflichen Glaubens. Der Pöbel hatte ausreichend Gelegenheit, die Befriedigung seiner fanatischen Bedürfnisse und seiner zerstörerischen Triebe mit einer erklecklichen Bereicherung zu verbinden. Für jede der drei Kreuzwegstationen auf dem Wege nach Kairo zu, von denen ich sprach, sind traurige Erinnerungen überliefert Der Sturm auf die Menaskirche brachte kostbare Weihegeschenke, welche die Kopten zum Heiligtum zu bringen pflegten. In der Kirche des Schenüda wurden bedeutende Schätze gefunden. In der Mualaka, der Kirche der Jungfrau, raubte man eine große Menge von goldenen Kelchen und seidenen Kirchengewändern. „Nun nahmen sie die Geräte der Kirchen und Klöster und verkauften auf den Märkten von Misr, was sie an goldenen und silbernen Gefäßen gefunden hatten." Auch die sorgfältige Zerstörung der Kirchen war nicht ganz ohne praktischen Wert Das Holzwerk der Bauten wegzuschleppen ist Gewinn in einem Lande, das nur die spärliche Palme kennt Aber der religiöse Impuls dominiert Als unter einem gnädigeren Kalifen die Barche des Abu Sefeen in Misr wieder aufgebaut werden kann, muß man die Christen, die an dem Neubau schaffen, mit Soldaten vor der wütenden Menge schützen. Und auch die Kalifen, welche wenigstens den äußeren Bestand der Kirchen schützen, scheuen sich nicht, in ihr inneres Leeben einzugreifen. Lichter und Prozessionen im Gottesdienst werden verboten. Die Feier des Charfreitags und des Osterfestes wird untersagt Taufzeremonien am Rande des Nils werden unmöglich gemacht Öffentliche Feste, die man auch im Orient mit kirchlichen Feiern verbunden findet, werden nicht mehr geduldet Den Gebrauch der Glocken braucht man nicht mehr zu verhindern, denn niemand hat den Mut,, sie zu läuten. 561