Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 524 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen. mus als Liebe zum sinnenhaft gegebenen Vaterland war schon immer eine echte Empfindung, aber Nationalismus als eine alles andere entwertende Liebe zu Millionen von Menschen, die in ungeheuren Länderstrecken verteilt wohnen, ist ein künstlich gezüchtetes Gefühl des letzten Jahrhunderts. Wie sich dieses Gefühl zu Intoleranz und zu hochmütigem Haß gegen Menschen anderen Denkens und Fühlens gesteigert hat, wie eine pseudowissenschaftliche Literatur und wie wirtschaftlich interessierte Klassen aufreizende Ideologien biologischer und politischer Auserwähltheit geschaffen haben und wie diese Ideologien durch Staatsschule, Militär und Presse propagiert werden, das zeigt Hayes an zahlreichen Beispielen und Zeugnissen aus aller Herren Länder. Man steht erschüttert vor diesem Schauspiel einer geistigen Verirrung, die umso verhängnisvoller ist, als in ihr opferbereiter Idealismus und religiöses Verehrungsbedürfnis der Massen sich auswirken. Hayes weist darauf hin, wie stets in Zeiten religiösen Verfalles Staat und Volk vergottet wurden. In der französischen Revolution wurde das Vaterland — la patrie — zum Gegenstand der Anbetung und des Gottesdienstes. Zu den Formen nationalistischer Intoleranz rechnet Hayes auch den modernen Antisemitismus. Was er hier zu sagen hat, enthält, ob es gleich für uns nicht völlig neu ist, mancherlei Erhellendes und Aufschlußreiches. Eine nicht ganz verständliche Haltung nimmt Hayes gegenüber der jüdischen Religion ein. Sie ist ihm eine enge Stammesreligion. Den Zionismus verwirft er als Assimilation an den Nationalismus der anderen Völker. Nachdem Hayes nachgewiesen hat, daß die antiken Völker den Nationalismus nicht gekannt haben, fährt er fort: „Auch die Juden machten hiervon keine Ausnahme trotz der glühenden Rhapsodien zeitgenössischer Zionisten. Liest man die jüdischen Schriften, so zeigt sich, daß das Auserwählle Volk nicht deshalb glaubte, es wäre besonders gesegnet und abgesondert von andern, weil es hebräisch sprach und einen nationalen Staat bildete, ... die Juden waren ein auserwähltcs Volk, weil sie an Jahwe und das von ihm offenbarte Gesetz glaubten, und der Fremde, der mit den Worten der Ruth an Naomi „Dein Gott sei mein.Gott" sich zum Judentum bekannte, wurde als Volksgenosse zugelassen, ohne daß er durch Fragen über seine Abstammung oder Sprache in Verlegenheit gesetzt wurde... Historisch genommen sind die Juden sowohl der alten Zeit wie des Mittelalters bis in die letzten Jahrzehnte, nicht so sehr eine Nationalität mit Nationalismus gewesen, als Anhänger einer Religion." Den Wert nationaler Sozialgebilde erkennt Hayes an und würdigt ihre kulturelle und sittliche Bedeutung. Der Nationalismus aber, der die Nation zu einem alle sittlichen Werte vernichtenden Götzen macht, und die Menschen mit feindseligem Hochmut gegen Angehörige anderer Nationen erfüllt, dieser von Hayes ab „patriotic snobbery" gekennzeichnete Nationalismus ist ein Fluch für die Menschheit geworden. Wie wir von ihm zu erlösen sind, was zu tun und was zu unterlassen ist, dafür gibt er beherzigenswerte Ratschläge. Wird man auf sie hören? Oder wird hemmungsloser Nationalismus sich in einer zweiten Weltkatastxophe zu Tode rasen? Es ist dringend notwendig;, daß dieses Buch in möglichst viele Sprachen übersetzt werde. Es genügt nicht, daß nur die Angelsachsen dieses Menetekel wahrnehmen und lesen. — Wie sehr gerade sittlich veredelte Liebe zum eigenen Vaterland Hayes antreibt, den Nationalismus zu bekämpfen, das mögen die Worts zeigen, die sich am Schluß seines Buches finden: „Wenn wir die Tugend der Demut in genügendem Maße besitzen, dann werden wir vielleicht das große und göttliche Geheimnis lernen, daß wir nicht würdig unseres Vaterlandes sind, daß kein Mensch dessen würdig ist, was er liebt." J.Go Idstein. Karl Rothenbücher: Über das Wesen des Geschichtlichen und die gesellschaftlichen Gebilde. J. C. B. Mohr, Tübingen 10,26, z4o S. brosch. 7,20 Tffll. Sinn und Inhalt dieses wertvollen Buches gibt der Münchener Staats- und Kirchenrechtler im Vorwort mit folgenden Worten an: „Wenn man von einer Erscheinung sagt, daß sie „historisch", „geschichtlich" sei, so will man in der Regel damit ausdrücken, daß sie in irgendwelcher Beziehung zur Vergangenheit stehe. Für die Gesellschaftswissenschaft, die die Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens, im besonderen die eigentümlichen Gebilde der Verbandseinheiten, des Staates, der Nation usw. untersucht, besteht nun Anlaß, zu fragen: Worin bestehen diese Beziehungen zur Vergangenheit, zu Vergangenem? Was bedeutet es, wenn wir 524