Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 523 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895465-2897315--01512-2897460- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Besprechungen Carlton I. H. Hayes: Essays on Nationalis m. New "York, The Macmillan Comp. 279 Seilen, 12/6. Wer den Nationalismus als eine Erscheinungheutiger Weltkullur angemessen darstellen will, der muß rnil der Schaukraft des HistoriKers. die begriffliche Schärfe des geschulten Soziologen verbinden und muß die politischen Ereignisse und Parteirichtungen der verschiedenen Völker ebenso sicher beurteilen können, wie es die Angehörigen dieser Völker vermögen. Bei solchen Anforderungen darf es daher nicht Wunder nehmen, daß bisher eine umfassende systematische Arbeil über den Nationalismus gefehlt hat- Vorarbeiten, nebenherlaufende Betrachtungen, Darstellungen von Teilcrscheinuhgen gibt es in Fülle. Aber das Buch über den Nationalismus besitzen wir erst mit den vorliegenden „Essays on Nationalism". Der Verfasser, Professor der Geschichte an der Columbia University (New York) besitzt jene Eigenschaften, die oben als Voraussetzung für die Abfassung eines solchen Werkes angegeben wurden. Hayes kennt in ungewöhnlichem Maße die Literaturen der Hauptkulturvölker, er handhabt mit sicherem Stilgefühl die angelsächsische Form des Essays und sein etwas sarkastisch angehauchter common sense nennt die Dinge beim richtigen Namen. Diese Vorzüge erhalten noch dadurch einen besonderen Reiz, daß die Schrift reiches Talsachenmaterial aus Amerika bringt. Dieser Kontinent hat es in Ansehnung des Nationalismus schon längst nicht mehr besser als Europa. Er hat es schlechter, denn drüben, nimmt alles gigantische Ausmaße an — ,.biggest" nennen es die Amerikaner. Und biggest ist auch der Nationalismus. Hayes brauchte nicht erst nach Europa zu gehen, um das Phänomen des Nationalismus zu studieren; es starrt ihm in Amerika,, wenn ich das Wort gebrauchen darf, wolkenkratzerhaft enlgegen. Der Reichtum des Buches an Tatsachen und Ideen läßt sich in dieser Anzeige auch nicht annähernd wiedergeben. Ich werde bei einer späteren Gelegenheit auf einzelne Abschnitte noch zurückkommen. Das Buch zerfällt in acht Kapitel: I. Was ist Nationalismus? II. Das Aufkommen des Nationalismus. III. Die Ausbreitung des Nationalismus. IV. Nationalismus als Religion. V. Nationalismus und internationaler Krieg. VI. Nationalbmus und Militarismus. VII. Nationalismus und Intoleranz. VIII. Ist Nationalismus ein Fluch oder ein Segen? Eine kurze Bibliographie beschließt das Ganze. Zweierlei versieht Hayes unler Nationalismus. Erslens den historischen Prozeß, Nationalitäten, d.h. Gruppen mit gemeinsamer Sprache und Kultur zu politischen Einheiten zusammenzufassen und aus Stämmen und Reichen die moderne Institution des nationalen Staates aufzubauen. Zweitens aber bedeutet Nationalismus der zeitgenössische populäre Glaube, die eigne Nationalität oder der eigne nationale Staat besitze einen solchen Vollkommenheitswert und eine die andern Nationalitäten überstrahlende Erhabenheit, daß alle menschlichen Verbaiulsformen und Treu Verhältnisse bedeutungslos seien gegenüber dem Treuverhältnis zur Nation, und daß ihr und ihren Symbolen wie einer Gottheil höchste religiöse Verehrung zukomme. Diese an Hybris grenzende Oberwerlung des Nationalen ist das gefährlich Neue, das wie Hayes nachweist, weder in der Antike, noch im Mittelalter bis zur französischen Revolution vorhanden war. Nationalitäten hat es schon immer gegeben — sie sind eine besondere Form des menschlichen Geselligkeitstriebes — Palriolis- 523