Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Aus der Gedankenwelt des Dibbuk
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 499 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der Gedankenwelt des Dibbuk Von Elsbeth Meyer-Neumaim Im Jahre 1922 fand in Wilna die Uraufführung eines ostjüdischen Dramas, der Dibbuk (Zwischen zwei Welten), von S. Ansky statt, das im Fluge in Europa und Amerika weit über die Kreise der ostjüdischen Einwanderung hinaus begeisterten Anklang fand.1) Dieser Erfolg — ein wahres Wunder in unserer Zeit übersteigerten Nationalgefühls — zeugt für die dichterische Kraft und den, trotz stärkster volkstümlicher Färbung, menschlichen Vollgehalt des Werkes. In ihm schwingt das uralte, ewig menschliche Motiv: Liebe, stärker als der Tod, gegen starren Hochmut des Reichtums. Chanan, der arme Talmudjünger, liebt Lea, die Tochter des reichsten Mannes, durch die Sitte streng; von ihr getrennt, mit stummer Leidenschaft Sie erwidert sein Gefühl jungfräulich scheu, fast unbewußt Die Suche des Vaters nach einem reichen Freier mißlingt dreimal. Chanan erblickt darin die Wirkung seiner magischen, durch Askese gestählten Kräfte. Als der Vater nun doch ein reiches Verlöbnis abschließt, da beschwört Chanan als letzte Notwehr den Bösen mittels des großen Gottesnamens, wobei er tot zusammenbricht (1. Akt) In der Trauer um ihn reift Leas Leidenschaft Ein geheimnisvoller Bote, der durch das Stück als Mittler „zwischen zwei Welten" wandelt, belehrt sie, daß eines Verstorbenen Seele, um sich zu erlösen, in den Körper eines Lebenden, als ein Dibbuk, ein Dämon, ein Alb, eindringen könne. Dieses Wort glimmt in ihr fort, bis es im Augenblick ihrer Trauung lodernd hervorbricht Wild stößt sie den ihr aufgezwungenen Bräutigam zurück und gibt sich mit männlicher Stimme allen als der vor kurzem bestattete Chanan kund, der jetzt auf ewig zu seiner ihm von Gott „Bescherten" zurückgekehrt sei. (2. Akt) *) Das Moskauer hebräische Theater Habima hat den Dibbuk über dreihundertmal aufgeführt und bringt ihn als Hauptstück seines europäisch-amerikanischen Gastspiels. 33* 499