Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Zum eignen Schaffen
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 462 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Ernst Lissauer: Zum eignen Schaffen Versen und in meiner Prosa antreffen, sei es als reale, sei es als imaginäre, sei es als geschichtliche Landschaft Ja, auch als geschichtliche: ein wohlwollend mitfühlender Kritiker schrieb über mein Buch „Glück in Österreich",, hier sei das Land als Ganzes gefühlt und erblickt und in worthafter Darstellung ausgebreitet: da gedachte ich der Verse in „i8i3": „Sehend ward ich, ich sehe das ganze Land". „Alle" heißt dies Gedicht, in dem diese Verse stehen; auf Gesamtheiten kommt es mir an. Und so liegt auch die Arbeit, die ich selbst zu leisten habe, als eine sozur sagen geahnte Gesamtheit, dämmernaft in Umrissen, vor meinen Augen. Aber jedem Menschen ist nur ein beschränktes Maß des Vollbringens und Leistens zugemessen, und vollends ich bin mir meiner Grenzen, Mängel, Fehler zu innerst bewußt- Goethe sagt von sich, es Labe niemals einen „präsumtuoseren Menschen" gegeben als ihn: „Niemals glaubte ich, daß etwas zu erreichen wäre, immer dacht' ich, ich hätt' es schon;" und wahrlich, er brauchte ja nur sich selbst zu fühlen, um präsumtuos zu sein. Dies Wort ist mit umgekehrtem Vorzeichen für mich giltig: wohl habe ich geahnt, gespürt, gehofft, daß ich einmal etwas vollbringen könnte, das anderen Menschen Segen und Trost spendete und nicht sofort mit dem vergleitenden Tage dahinginge, aber im Grunde habe ich es mir nicht zugetraut und bin über jedes allenfalls Geleistete verwundert gewesen. Jedes Erreichte aber war mir alsbald nur Stufe und Schicht; gering deucht mich das Getane, unermeßlich öffnet sich das zu Leistende. Ich bin fast 43 Jahre alt und dürftig scheint mir die Lebensfrist, um alles das auszuführen, was sich vor dem wollenden, befehlenden, hoffenden Blick eröffnet Immer breiter spannen sich die Pläne, immer strenger gebietet die Sorgfalt, und alles Getane ist minder getan als erledigt. Es ist dem Aufsteigenden oft wie Gebirges Mauer und Wand, die den Rückweg versperrt, und wie rückzukehren ist zu verweilen nicht verstattet Er muß hinauf, weiter; ob er seinen Kulm erreicht, ist ungewiß. 462