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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 431

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
Date
1926-12-01
Page
431 (sequence 1)
Language
German
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Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt Von Margarete Susmann Nietzsche hat mit dem Wort: „Mulier taceat de muliere" den durchgehenden männlichen Wunsch gegenüber dem weiblichen Geschlecht ausgesprochen. Und die Frage drängt sich auf: Ist dieser Wunsch nicht berechtigt? Versteht nicht der Mann, der Schöpfer, der Künstler weit besser von der Frau zu reden als die Frau selbst? Hat nicht der männliche Gedanke ihr Wesen weit besser ausgesprochen, die große Kunst aller Länder und Zeiten ihr Bild unendlich schöner und mächtiger gezeichnet als die Frau es zu tun vermag? Hat nicht gerade die europäische Dichtung unendlich Wahreres und Tieferes über die Frau enthüllt als die gesamte Frauenbewegung? Um ein Bild zu zeichnen, muß man es zuerst gesehen haben. Aber können wir uns selber sehen? Sind wir uns nicht zu nah, zu identisch mit uns selbst? Und sind wir nicht eben dadurch vom Mann verschieden, daß wir nicht so leichc wie er unsere Identität mit uns selbst aufheben können? daß es nicht unsere eigenste Art ist, im Wort, im Bild, im Werk aus uns herauszutreten, und uns uns selbst gegenüber zu stellen? Und doch hat die Frau ihr Schweigen gebrochen. Es kam ein Augenblick, in dem sie es brechen mußte, in dem sie versuchen mußte, sich selbst ohne Vermittlung des Mannes ins Antlitz zu sehen. Wir stehen heute inmitten eines Versuches weiblicher Selbsterkenntnis, wie ihn Europa so noch nicht gesehen hat Denn wohl hat es schon mehrmals in der Geschichte der extrem männlichen europäischen Kultur Frauenbewegungen gegeben; aber sie sind immer wieder versunken und versandet, ohne deutliche Spuren zurückzulassen. Wenn die Frauenbewegung in unserer Zeit zu einer weit ausgebreiteten Wirkung und Macht gelangt ist, so liegt das daran, daß diesmal die Revolution 431

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