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Der Morgen · 1926-10-01 · Heft 4 (Oktober 1926) · p. 412

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 4 (Oktober 1926)
Article
[Rezension]
Date
1926-10-01
Page
412 (sequence 1)
Language
German
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Besprechungen Jahrbuch der Charakterologie. Herausgegeben von E. Utitz. II. und III. Jahrgang. 1926. Pan-Verlag Rolf Heise-Charlottenburg. 482 Seiten. — Emil Utitz: Charakterologie. ig2.5. Pan-Verlag Rolf Heise. Vor einigen Monaten zeigte ich den ersten Band dieses Jahrbuches an dieser Stelle an; ich freue mich, heute auf den zweiten Band hinweisen zu können, der wieder einen ungewöhnlich reichen Inhalt hat. Das juristische, medizinische, historische, soziologische, graphologische Interesse kommen gleichermaßen auf ihre Kosten. Es ist hier gleichsam ein Clearing House geschaffen zum Austausch der auf den verschiedenen Gebieten heute lebendigen charakterologischen Ideen. Fragt man aber, inwieweit das charakterologische Problem als solches hier gefördert wird, so sollte man von dem konzilianten und liebenswürdigen Herausgeber doch etwas mehr Negation und Herausschaffung des Belanglosen, das als unnötiger Ballast das Buch verteuert, fordern. Dazu aber müßte erst einmal der Begriff der Charakterologie und des Charakters selbst geklärt werden. Wenn Oskar Kraus hier das Bild Albert Schweitzers zeichnet, der vom Orgelspiel über die Theologie den Weg zur ärztlichen Mission unter den Wilden Afrikas findet, so meint er damit den religiös-ethischen Charakter, wie wenn wir von jemandem sagen: er hat Charakter. Die Psychiater dagegen behandeln im Wesentlichen das Typenproblem, d. h. die Fragen nach den Arten der Chjaraktere, ihrer Fundierung im Körperlichen usw. Jedoch das eigentliche charakterologische Problem, die Frage nach der individuellen Struktur des Einzelmenschen, tritt stark zurück. Nur bei Prinzhorn findet sich im Anschluß ah Klages ein Ansatz dazu, die drei Probleme von einander zu trennen und ebenso bei Klages selbst, auf dessen grundlegende, zurzeit "beste Arbeit „Die Grundlagen der Charakterkunde" (vierte völlig veränderte und außerordentlich erweiterte Auflage, Leipzig, Barth, 1926) ausdrücklich verwiesen sei. So dringend man diese Forderung nach einer wesenhaften Klärung des Problems, nach Niveau der Abhandlungen und Ausscheidung guter, aber nicht zur Sache gehöriger Arbeiten (Heindl z. B. fände seinen angemessenen Platz in einer juristischen Zeitschrift) und endlich nach Aufgabe des übermäßig kleinen Druckes und Ersetzung durch ein größeres und schöneres Satzbild erheben muß, so läßt sich trotzdem ein erfreulicher Fortschritt über den ersten Band feststellen. Der Klagessche Aufsatz erhält erst hier seine Ausweitung und Tiefe. Er ist der m. W. erste Versuch, die Eigenart der Nietzscheschen Psychologie zu enthüllen, ist zugleich an originellen Bemerkungen überreich, für das Verständnis Nietzsches wesenhaft und für das fundamentale charakterologische Problem der Aufhebung der Selbsttäuschung bedeutsam. (Er ist inzwischen zu einem 228 Seiten starken Buch angewachsen, im Verlage J. A. Barth erschienen. Ich kann auch dieses Buch warm empfehlen, selbst denen, die das Jahrbuch besitzen, da es wesentliche Erweiterungen enthält und auch Anmerkungen beifügt.) Weiter sind die Beiträge von Birnbaum und Lipschütz wertvoll, weil sie in klarer und eindrucksvoller Webe den Nichtpsychiater über das unterrichten, was die Psychiatrie heute zum charakterologischen Problem zu sagen hat. Sympathisch berührt dabei die Feststellung Birnbaums, daß die Lösung der biologischen, aber auch der psychologischen und pathopsychologischen Fragen der Persönlichkeitsforschung heute noch in weiter Ferne liegen. Der offenbar verfrühte Versuch Bermans, auf endokriner Grundlage eine Typenlehre aufzubauen, verdient kaum eine derartig ausführliche Behandlung, wie sie ihr hier Lipschütz zuteil werden läßt. Immerhin trägt es zur Erheiterung des Lesers bei, Napoleons Auf- und Abstieg auf den Auf- und Abstieg seiner Hypophyse (Gehirnanhang) zurückgeführt zu sehen. Utitz hat fraglos das Verdienst, weitere fachliche und nichtfachliche Kreise auf das charakterologische Problem verwiesen zu haben. In diesem Sinne wird auch sein von denselben Prinzipien wie das Jahrbuch getragenes Buch wirken. Es will die Charakterologie in dem ganzen Ausmaß ihrer Möglichkeiten umspannen, geht dadurch sehr stark in die Breite und enthält eine große Zahl von Hinweisen. Physiognomik, Phrenologie, Graphologie, Temperamentenlehre, Kasuistik, phänomenologische Charakterologie, Psychographie, differentielle Psychologie usw. wird besprochen. Deshalb ist das Buch zur Orientierung über die möglichen Richtungen geeignet. Es gibt im zweiten Teil charakterologische Leitlinien und Darstellung von Charaktertypen, auf deren Fülle wir hier nicht eingehen können. Ein System der Charakterologie darf man hier nicht erwarten, der 412

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