Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 408 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen Schrifttums einbaute. Beides ist erwünscht und für viele Leser des Buches notwendig; in gedrängter Kürze werden dadurch Kenntnisse vermittelt, die man sich sonst schwer zusammenliest. Dem Verfasser unterlaufen gelegentlich Irrtümer, die zwar das Ganze nicht beeinträchtigen, aber doch unlieb sind. Zwei Irrtümer aus dem Gebiet der Geschichte der rabbinischen Literatur seien ausdrücklich berichtigt. Bei der Nennung der Gelehrtenzunft der Saboräer gibt er noch die alte Erklärung der Saboräer als „Meinende", d. h. „weil sie sich bloß das Recht einer Meinung, nicht einer Entscheidung beimaßen", während die neuen Forschungen gezeigt haben, daß sie so heißen, weil sie den geschlossenen Zusammenhang eines Themas, d. i. Sebara, herzustellen liebten. Er gibt die alte Erzählung wieder von den vier Sendboten, die auszogen, um Spenden für das Lehrhaus in Babylon zu sammeln, unterwegs von Seeräubern aufgegriffen wurden, nach verschiedenen Orten kamen, dort erkannt und zu hohen Ehren geführt wurden und so die Begründer eines von Babylon unabhängigen jüdischen Geisteslebens an verschiedenen Zentren jüdischer Siedelung wurden; aber seit Eppensteins gaonäischen Studien ist bekannt, daß diese Erzählung Legende ist. Auch der Übersetzung haften Mängel an, sie ist nicht aus dem arabischen Urtext, sondern anscheinend aus der selbst mitunter dem Original nicht entsprechenden hebräischen Übersetzung. Trotzdem ist sie für den beabsichtigten Zweck willkommen und erwünscht, und das Ganze ist mit Dank zu begrüßen. M. Dienemann. Rudolf Otto: Westöstliche Mystik. Leopold Klotz-Verlag Gotha, 1926. 397 Seiten. Geb. Wl 12.—. Das Schicksal der Zeiten hat uns den ursprünglichen Erfahrungen der Religion entfremdet. Umwölkt von Abstraktionen leben wir alle, mehr oder minder, ein abgeleitetes Leben. Unserer Seele das „Alte Wahre" wieder zu erschließen, vermögen heute nur Wenige. Zu ihnen gehört Rudolf Otto. Sein Werk „Das Heilige" — es liegt schon in i4. Auflage vor — hat auch uns Juden vieles von dem Wertvollsten der Bibel, das wir nur noch als Vergangenheit empfanden, von neuem ver-gegenwärtigt. Die Urtatsache der Religion: das Heilige, hat er wieder ent-deckt. Und nun hat er seine Arbeitsmethode für das Gebiet der Mystik fruchtbar gemacht und ein neues Werk: „Westöstliche Mystik" geschaffen. Das Buch ist aus Vorlesungen entstanden, die Otto im Winter 1923/24 am Oberlin-College, Oberlin (Ohio) gehalten hat, und zwar über westliche Mystik im Vergleich mit der östlichen Mystik und mit besonderer Beziehung auf die Typen, die einerseits Eckart und andrerseits Sankara darstellen. Sankara, der Inder, lebte um das Jahr 800 n. Chr., Eckart der Deutsche von i25o—1327. Was können diese Beiden, der Abendländer und der Morgenländer, miteinander gemein haben? Kann sich Osten und Westen verstehen? Eine weitverbreitete Zeitmeinung behauptet ja sogar, daß selbst die Völker der europäischen Kultur einander unverständlich, fremd sind. Wie muß es da erst mit der westlichen und östlichen Mystik stehen! Denn die Mystik, wie Otto ausführt, „steigt ja auf aus dem Tiefsten des Menschengeistes. In ihr muß sich darum das Eigene und das Unvergleichliche besonderer Geistesart am meisten zeigen. Und wenn es überhaupt gegenseitige Unberührtheiten und grundsätzlich trennende Verschiedenheiten gibt, so müssen sie auf diesem Gebiete am stärksten sein." Aber gerade hier herrscht Ähnlichkeit und eine fast wörtliche Übereinstimmung. Mit folgenden Worten schildert Otto dieses Ergebnis seiner Arbeit. „Wir behaupten, daß in der Mystik sich in der Tat gewaltige Urmotive der menschlichen Seele erregen, die als solche ganz gleichgültig sind, gegen die Unterschiede des Klimas, der Weltgegend und der Rasse, und die in ihrer Übereinstimmung eine innerliche Verwandtschaft der menschlichen Geistes¬ und Erlebensart aufweisen, die wahrhaft erstaunlich ist.' Sankara und Eckart sind Mystiker und Scholastiker in einer Person. Beide geben ihre Lehre in der Form von Kommentaren zu den alten heiligen Schriften ihrer religiösen Gemeinschaft. Beide treiben ihre Auslegung auf die gleiche Weise, sie zwingen ihre Auslegungen in den Dienst ihrer Lehre und fassen diese dann in ein großes spekulatives Werk zusammen. Noch erstaunlicher als die äußerlichen Entsprechungen ist die Ähnlichkeit ihrer mystischen Einstellung und die aus ihr entspringenden Spekulationen. Man könnte, meint Otto, ihre Grundlehren so zusammenstellen, daß die Formel des einen nur wie eine Übersetzung aus dem Sanskrit lautete. Das bedeutet aber nicht, daß Mystik immer und allenthalben ein und dieselbe Größe ist. 408