Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Weltkonferenz für liberales Judentum in London
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 402 (sequence 3)
- Language
- German
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Weltkonferenz für liberales Judentum in London Offenbarung, ja Religion und das Wunder sind ein und dasselbe.'* Sofern und solange wir zu glauben vermögen, trotz des andringenden Materialismus und der Antinomien der "Vernunft, solange haben wir Religion. Dagegen lehnen wir die früh einsetzende Kanonisierung eines ganzen Schrifttums als „Objektivierung der Offenbarung'* ab. Wir beschränken die Prophetie nicht auf bestimmte Personen, Zeiten und Orte. Sie muß in uns erzeugt werden, was freilich ein Akt der Gnade ist. Da unsre gegenwärtige Zeit religiös „oszilliert", muß desto mehr das Gemeinschaftsgefühl gepflegt werden. Messianismus fand ebenfalls seine neue Interpretation. Samuel Schulmann in Übereinstimmung mit Maurice H. Harris bekunden: Liberales Judentum verwirft jeden konkreten Messias (zumal er leicht zur Vergottung des Menschen führen kann); es hat den Begriff vom göttlichen Königtum (Kingdom of God; malchut schaddaj) wieder entdeckt. Die nationalen Zukunftshoffnungen der alten Prophetie sind nicht mehr die unsren und können im Gebete nicht zum Ausdruck kommen. Die einem irdischen Zion zugewandte Hoffnung kann auch schwer neben der Liebe zu dem neuen Vaterland bestehen. „Liberalismus als Botschaft an das Individuum" war das Thema von Leo Baeck. Eine kulturphilosophische Einführung eröffnete neue weite Ziele. Eine Reihe von Berichten entrollte Bilder von der gegenwärtigen Lage des religiös-liberalen Judentums in den verschiedenen Ländern. Der deutsche Bericht (erstattet von H. Stern, Berlin, ergänzt von Dr. Ettlinger, Frankfurt) mußte feststellen, daß unsre Liberalen nicht allein den Ansturm der Orthodoxie und des Zionismus auszuhalten haben, sondern sich in vielen mittleren und kleineren Gemeinden in die Einheitsgemeinde zwängen lassen müssen, die paradoxerweise ihren Namen von der Uneinheitlichkeit ihrer Elemente hernimmt. Diese Not kann zur Tugend-werden; muß aber auch verlangsamen, verfälschen, zu Kuriositäten führen. Aktivposten sind dagegen die sachliche Wissenschaftlichkeit unsrer liberalen Gelehrten und die gut geleiteten Jugendgruppen (sog. Iiis). Einen Einblick in das religiösbetonte Erziehungswerk der amerikanischen Frauenwelt gab Mrs. J. W. Freiberg (Cincinnati), die Präsidentin der „National Federation of Temple Sisterhoods". Eine gewisse Betonung fanden in den Referaten von Rabbi Julian Morgenstern (vom Hebrew Union College, Cmcinnati) über „Liberales Judentum in Amerika" und in dem von Claude G- Montefiore „Liberales Judentum in England" die Beziehungen zur christlichen Kirche und Theologie. Montefiore gab der Hoffnung" Ausdruck, daß seine Einbeziehung der neutestamentlichen Ethik in die jüdische (die heute noch so stark befehdet wird) bald einem besseren Verständnis begegnen werde. Beifällig wurde die Forderung aufgenommen, daß liberales Judentum für die Bedeutung des Wissens gegenüber Unbildung, für Frieden unter den Völkern und für freiheitliche Entwicklung gegen jede Reaktion eintreten müsse. Vor Abschluß der Konferenz empfahl Miß Lily H. Montagu in eindrucksvollen Worten die Gründung der Weltunion. Die Losung sei gegen den Materialismus und gegen den Indifferentismus. Nicht in die Zwangsjacke der Uniformität, aber in eine Union lebendiger Menschen hinein! Nicht gegen die Orthodoxie, aber gegen eigne Unvollkommenheiten, für Heiligung des Lebens und für soziales Wirken zur Erleichterung des Schicksals der Bedrängten. Der Weltverband für liberales Judentum wurde unter Beifallsrufen gegründet; sein erster Präsident wurde Claude G. Montefiore. 402