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Der Morgen · 1926-10-01 · Heft 4 (Oktober 1926) · p. 401

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 4 (Oktober 1926)
Article
Weltkonferenz für liberales Judentum in London
Date
1926-10-01
Page
401 (sequence 2)
Language
German
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Weltkonferenz für liberales Judentum in London giösem Liberalismus und Zionismus bekennen sollte. Dem amtierenden Präsidenten (Rabbi Dr.Mattuck-London) gelang es, den Streit durch die Erklärung beizulegen, die Stellung zum Zionismus sei dem freien Ermessen der Delegierten anheimgestellt; Zionismus selbst gehöre nicht zu den Gegenständen der Konferenz. Es blieb kein Geheimnis, daß Rabbi Perlzweig, zweiter Geistlicher der Londoner Liberalen Synagoge, Zionist ist; ebensowenig, daß deutsche Rabbiner, wie Baeck, Goldmann, Wiener, die der Konferenz viel zu sagen hatten, bei aller Ablehnung des politischen Zionismus den Aufbau Palästinas nicht für unvereinbar mit ihrem religiös-liberalen Programm erachten. Die Vorträge waren getragen von einheitlichem Geiste. Eine erste Reihe behandelte: Die Synagoge im modernen Leben (Schulmann); derGlaube an den Offenbarungscharakter der Bibel (M.Wiener); die Verwendung der Bibel im Gottesdienst und Unterricht (Mattuck). Kein Redner (und dies gilt auch von allen späteren) gab auch nur einen entscheidenden, ewig fruchtbaren Faktor Hes eigentlich-religiösen Lehr- und Gesinnungsgehalts des biblisch-historischen Judentums preis. Wie nicht anders zu erwarten, knüpften sie nicht sowohl an die gesetzlich ritualen Partien der Thora oder des Talmud an, sondern an den Prophetismus der Bibel, an den Geist der Aggada und die religionsphilosophische Forschung unsrer Denker. Vielleicht ist aber auf keiner jüdischen Synode jenen Hochgedanken des Judentums so bekenntnisfreudig gehuldigt worden, die wirklich als »seine Weisheit und Einsicht vor den Augen der Völker anerkannt sind', wie auf der Londoner. Diese freischöpferische Auffassung des Judentums läßt sich nicht als Viertel- oder Achteljudentum abtun. Schulmann bekennt: „Das Alte Testament ist ausreichend". Volk, Gemeinde, Familie, sie sind Hilfswerte für die höchste und letzte Form wahrhafter Religiosität, für die Religion des Einzelnen. Die Gemeinschaftskräfte behalten als Umwelt ihren Wert, aber Religion darf darin nicht ihr Wesen finden, sonst ist sie verloren, sobald die Umwelt wechselt. Nicht umgeben soll die Religion den Menschen, sondern ihn erfassen. Dennoch soll die Milieukraft nicht vernachlässigt werden; sie ist dem Kinde, das noch nicht Persönlichkeit ist, besonders wichtig, und muß auch von uns durch Formen und Symbole gepflegt werden. „Erziehung als Grundtendenz des Ritualismus" im Judentum wurde sodann nach verschiedenen Seiten beleuchtet. Dr. Maurice Harris (New York) bot eine „Darstellung des Judentums im häuslichen und persönlichen Leben" und Rabbi William Rosenau, Professor an der John Hopkins-Universität in Baltimore eine „Würdigung der Zeremonien'*. M. Harris geht von der Tatsache aus, daß die Synagoge nicht mehr im gleichen Maße der Mittelpunkt des religiösen (und sozialen) Lebens sei wie früher; aber „im Handumdrehen ist das Haus in eine Synagoge verwandelt". Häusliche Tugenden, früher nur an das jüdische Gesetz gebunden, können in freierer Übung heute nicht minder blühen, wie Keuschheit, Gastfreundschaft, Reinlichkeit, Nüchternheit, Bildungspflege. Die Schätzung des Kindes una des weiblichen Geschlechts, sie haben im liberalen Judentum nicht verloren, sondern gewonnen. Unser gesichertes Dasein in der modernen Welt hat Gefahren für die Reinheit und den Adel unsrer Sitten herbeigeführt; wir dürfen nicht auf den Lorbeeren unsrer Ahnen ausruhen, müssen unsre Existenz täglich neu rechtfertigen. — Für die richtige Einschätzung der Zeremonie, ebenso fern von der Erhebung zum Selbstzweck wie von der Verachtung einer ansprechenden lebensvollen Sitte fand Prof. Rosenau treffliche Worte mit Berufung auf die Propheten und Anführung von Montefiores „Outlines of Liberal Judaism" vom Zweck alles Zeremoniellen, der allein in Erhaltung und Kräftigung inneren, religiösen Glaubens liege. Übereinstimmend fordern diese Redner das Recht der Unterscheidung zwischen Lebendigem und Totem, sowie die Pf licht zeitgemäßer Abwandlung und Anpassung der Formen an unsre Bedürfnisse und Gefühle des Neuen Testaments ohne jede Schärfe der Polemik. Die unerschöpfliche Bedeutung jenes Gottesbegriffs erkennt er in den Ausstrahlungen umfassender Nächstenliebe, sozialer Gerechtigkeit, sittlichen Fortschritts. Die Besonderheit ist die Manifestierung als Gesetz Gesetz und Lebensordnung im menschlichen Gewissen; klassisch formuliert im Dekalog, interpretiert durch die Propheten. Offenbarung sodann, ein zweiter Zentralbegriff, fast ein Korrelat des Judentums, wurde zum Schibolet zwischen neuem und altem Geist, zwischen selbständiger Durchdringung und traditioneller Auffassung. Hierüber sprach Max Wiener (Berlin). Ohne Widerspruch zu finden, konnte er behaupten: „Religion und 27 401

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