Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Das römische Ghetto
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 381 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das römische Ghetto zu verfechten, gelangen sie damit nicht zum Ziel, so greifen sie zu Drohungen. So geben sie zum Schluß fast alle nach, wie jene Frau, die 3o Tage fest blieb und dann doch das Christentum annahm. Als die Nachricht im Ghetto eintraf, und die Bekehrung der Schwester zu Ohren kam, starb diese vor Schmerz und Schrecken. Der Kardinal Cuneo aus Portugal fungierte als Pate bei der Neubekehrten und schenkte ihr zehntausend Skudi. Sie heiratete später einen Trompeter bei der Post, aber sie hatte kein Glück. Ich möchte auch die Ursache ihres Unglücks und die Art und Weise, wie sie in die Hände der Justiz fiel, erzählen. (Gemeint ist die Gewalt der Kirche.) Dieses Mädchen hegte den Wunsch, einen Jüngling zu heiraten. Da es aber den jüdischen Frauen verboten ist, ohne Begleitung auf die Straße zu gehen, so konnte sie ihren innersten Gefühlen nur schriftlich Ausdruck verleihen. Die Liebesbriefe mit dem jungen Mann wurden in der folgenden Weise ausgetauscht: Das Mädchen vertraute den ihrigen einem Körbchen an, das sie jedesmal, wenn der Verlobte zu einer bestimmten Stunde vor ihrem Hause erschien, an einem Bindfaden herunterließ. Dieser nahm ihren Brief heraus und legte den seinigen hinein. Als aber das junge Mädchen eines Abends keinen Gebrauch von dem Körbchen machen konnte, warf sie den Brief durch das offene Fenster auf die Straße, wobei sie sich in der Richtung irrte. Der Liebhaber, der den Brief im Dunkel vergeblich gesucht hatte, war davon überzeugt, daß ihm keiner gesandt worden war; betrübt kehrte er nach Hause »zurück. Als aber am nächsten Tage ein Untergebener des Kardinals Cuneo bei dem Hause vorbeigegangen war und das Briefchen gefunden und gelesen hatte, kam ihm sofort der Gedanke,, es zu seinen Gunsten auszunutzen. Er hatte das Mädchen am Fenster gesehen, und er war aufs tiefste überrascht und betroffen von so viel Schönheit Er ging darauf zum Kardinal- Vikar, dem Haupt der Inquisition, zeigte ihm den Brief und überzeugte ihn von einem Liebesverhältnis, das er mit dem Mädchen unterhielt Er überredete ihn, das Mädchen taufen zu lassen. Da sich dessen Eltern widersetzten, schickte der Kardinal-Vikar die Sbirren, die sie entführten. Das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen und habe es nun hier ganz wahrheitsgemäß beschrieben. Das Mädchen jammerte und protestierte, es beteuerte, nichts von alledem, was man von einem Liebesverhältnis zwischen ihm und des Vikars Hausgenossen erzählte, zu wissen. Es half der Armen alles nichts, und als die 4o Tage herum waren, wurde sie in den Schoß der Heiligen Kirche aufgenommen. 381