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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 315

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
[Rezension]
Date
1926-08-01
Page
315 (sequence 2)
Language
German
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Besprechungen die ihnen erlaubt, jedes Unrecht mit gutem Gewissen zu tun. Adel der Gesinnung braucht sich hier nicht auszuwirken, weil er ererbter Besitz ist. Der Gegner, der schon durch sein Dasein die unbezweifelbaren Vorrechte bedroht, muß mit allen Mitteln der Gewalt und Niedertracht bekämpft werden, weil mit andern Mitteln gegen seine angebliche Tücke und Gemeinheit nicht anzukommen ist. So schändet man, wie das im schlesischen Kulturkampf vorgekommen ist, Kirchen, so begeht man Fememorde, immer mit dem Vorwand, das Deutschtum, das der Gemeinheit seiner Umwelt nicht gewachsen ist, zu verteidigen. Wer einmal daran geht, die Geschichte dieser unseligen Verirrung im nationalpolitischen Denken unsres Volkes zu schildern, der wird in der Arbeit Mazuras reichliches Material finden. Otto Meiler. Leon Tolstoi: Journal Intime. Inedit. Editions duTrianon, Paris 1926. 3go Seiten. Vor kurzem ist ein Tagebuch Tolstois gefunden worden, das er von seinem 24- bis zu seinem 26. Jahre (1853/56) geführt hat. Der europäischen Öffentlichkeit liegt es zuerst in französischer Übersetzung vor. Der Verlag hat buchtechnisch ein Meisterwerk herausgebracht: Papier, Druck, Ausstattung (es sind 12 Gravüren beigegeben) befriedigen auch den Geschmack des verwöhnten Bibliophilen. Beigefügte Anmerkungen erläutern den Text. Dieses Tagebuch unterscheidet sich von allen bisher bekannt gewordenen Tagebüchern Tolstois. Es sind Aufzeichnungen, die Tolstoi nicht für die Öffentlichkeit bestimmt hat. Hier spricht sich der werdende Mensch unter der Einwirkung des unmittelbaren Augenblicks rückhaltlos aus. Tolstoi ist noch befangen in den Werten seiner Gesellschaftsschicht. Er ist ehrgeizig und ruhmsüchtig; er spielt und verspielt viel Geld, trinkt und betrinkt sich hin und wieder — keine menschliche Schwäche ist ihm fremd. Aber gleichzeitig führt er einen unausgesetzten Kampf gegen die Schwächen seines Charakters. Er stellt für sich — im Stile Franklins — Verhaltungsmaßregeln auf, und notiert mit rührender Offenheit, wie oft er sie übertreten hat. Zahlreiche Seiten dieser Tagebücher enthüllen schleierlos diesen Kampf zwischen Geist und Fleisch. Tolstoi ist wohl fromm,, er betet — aber die Religion bestimmt noch nicht seine Lebensführung und Welthaltung. Seine religiösen Überzeugungen sind von Rousseaus Glaubensbekenntnis beeinflußt, vom Deismus des achtzehnten Jahrhunderts. — Er klagt sich fortwährend der Trägheit an, und doch berichtet er von seinen schriftstellerischen Arbeiten, die er inmitten des Soldatenlebens, auch vor dem Feinde, mit nimmermüdem Fleiße fortsetzt. Seine ersten Erzählungen haben weithallenden Erfolg, er ist stolz darauf. Literarischer Ruhm ist ihm das Höchste. — Wir werden bekannt mit den Mühen seiner künstlerischen Arbeit, mit all den Schwierigkeiten, die auch dieser Genius in der Gestaltung der Sprache zu meistern hatte. — Die Tagebücher enthalten eine Fülle treffsicherer Beobachtungen über Gesellschaft und Bücher; Tolstoi war, wie alle Menschen von ruheloser Intelligenz, ein unersättlicher Leser; er war mit den Hauptwerken der europäischen Literatur wohl vertraut. Die Urteile über seine Lektüre sind immer fesselnd; aus ihnen spricht Ernst und Ehrlichkeit. Am 3i. Oktober i853 notiert er: „Seltsam — wir verheimlichen alle, daß eine der hauptsächlichsten Triebfedern unseres Lebens das Geld ist. Ais ob wir uns dessen schämten. Man nehme Romane, Biographien, Novellen: Ueberall bemüht man sich, Geldfragen zu vermeiden, obwohl das Geld das Hauptinteresse des Menschen bildet (und wenn nicht das Hauptinteresse, so doch mindestens das andauerndste Interesse des Lebens), und obwohl im - Verhältnis zum Gelde, besser als irgend wo anders, der Charakter des Menschen zum Ausdruck kommt." — Jedem Verehrer Tolstois werden diese bisher unbekannten Tagebücher eindrucksvolle Bilder von einem Menschen geben, der mit den Dämonen seiner Seele ringt, bis er sie schließlich bezwungen hat und in bitterer Läuterung das Gesetz seines .Lebens zu heiliger Erfüllung bringt. J. Goldstein. S. Müller (Heidelberg): Ein Buch für unsreMütter. Philoverlag, Berlin 1925. Z19 Seiten. Dieses Buch wird vielen Müttern helfen, ihre Kinder in Sinn und Bedeutung der jüdischen Feste einzuführen. Die Einführung geschieht nicht in wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern in Form von Frage und Antwort, deren schlichte Sprache dem Verfasser glücklich gelungen ist. Segenssprüche, Bibelstellen, kurze 315

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