Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 223 (sequence 1)
- Language
- German
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Völkischer Antisemitismus Von Julius Goldstein DI. Zur Kritik der völkischen Ideologie Fichte ist kein Gesinnungsgenosse der Völkischen — das war das Ergebnis meines Aufsatzes im Juniheft dieser Zeitschrift Die Völkischen berufen sich mit Unrecht auf Fichte. Ein Mann, der als Ziel der Menschheit ein Reich der Freiheit fordert, „gegründet auf Gleichheit alles dessen, was Menschengesicht trägt", ein solcher Mann mag wohl persönlich Abneigung gegen die Ghettojuden seiner Zeit empfinden, aber Antisemitismus widerspricht den Grundprizipien seiner Lehre. In den „Reden an die deutsche Nation" verlangt Fichte einen Bund der Deutschen, in welchen Menschen des gleichen Geistes ohne Unterschied der Abstammung und Sprache aufgenommen werden sollen. Es ist daher auch nicht der Volksbegriff Fichtes, auf den Stapel seinen Antisemitismus gründet1) Stapel übernimmt von Fichte nur die Auffassung, daß Volk ein geistiges Wesen höherer Ordnung sei, eine Auffassung, die wohl im Zusammenhang mit Fichtes Metaphysik verständlich, die aber, herausgelöst aus diesem Zusammenhang, unhaltbar ist2) Denn Stapel gibt dem Volksbegriff x) Es sei daran erinnert, daß die unter dem Titel „Völkischer Antisemitismus" erscheinende Aufsatzreihe sich hauptsächlich mit Wilhelm Stapels Schrift „Antisemitismus" beschäftigt. — Da die nächste Nummer des „Morgen" als Sonderheft erscheinen soll, muß aus sachlichen Gründen der Umfang dieser Arbeit das sonst innegehaltene Maß überschreiten. 2) Rümelin hat in seinem Aufsatz „Ober den Begriff des Volkes" das treffende Wort gesprochen: „Ein geistiges Einzelwesen, ohne die einheitliche Spitze eines Selbstbewußtseins, wird aber allen denen ein phantastischer Begriff bleiben, welche sich einen Willen ohne ein Wollendes, Gedanken ohne ein Denkendes, nicht vorzustellen imstande sind." G. Rümelin, Kanzler der Universität Tübingen, „Reden und Aufsätze", 1875, Seite 108. 223