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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 191

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1926-06-01
Page
191 (sequence 4)
Language
German
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Ist Fichte ein Gesinnungsgenosse der Völkischen? Ausweichen vor letzten Folgerungen, nirgends ein Kompromiß mit Menschen und Institutionen; Vernunft und Wirklichkeit messen sich und bleiben in scharfer Spannung. Worte wie Deutschtum, Volk, Vaterland, Reich empfangen aus schöpferischem Denken die geistige Prägung. Die geistige Prägung! Denn das kann nicht oft genug betont werden: Weder ethnische noch politische Bedeutung haben diese Worte bei Fichte. Sie bezeichnen Aufgaben, nicht Tatsachen; Ideale, nicht Feststellungen. Die Gewohnheiten unseres heutigen Denkens erschweren es uns, den Geist jener Generation zu verstehen, die noch nicht dem Relativismus des 19. Jahrhunderts verfallen war. Für Fichte, ebenso wie für Schelling und Hölderlin, galt es nicht, einen den andern Staaten ähnlichen deutschen Machtstaat schaffen zu helfen — ihre Gedanken griffen weit über das politische Gebiet hinaus. Sie empfanden den Zusammenbruch in einem fast eschatologischen Sinne. Ihre Hoffnungen auf ein neues Deutschland schöpften sie aus einem dem Messianismus verwandten Glauben. Bei Engländern und Franzosen erwuchsen die Ideen von Volk und Vaterland aus der Unmittelbarkeit machtpolitischer Gestaltung. Der Geist verklärte, was das Schwert geschaffen. Für den deutschen Geist gab es keine politische Wirklichkeit, deren Züge er verklären konnte. Ihn haben weder staatliche noch nationale Enge am Flug gehindert; aus dem Reiche des Ewigen und den Weiten der Weltgeschichte leuchteten ihm dichterische und philosophische Gesichte auf, die den Gang der politischen Welt zu erhellen eine immer neue und besondere Aufgabe des Deutschtums ist Solchermaßen sind die „Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters" und die „Reden an die deutsche Nation" zu verstehen. Die „Grundzüge" gliedern den Ablauf der Weltgeschichte in fünf Epochen. In die dritte Epoche, die Epoche der vollendeten Sündhaftigkeit, stellt Fichte 180 5 seine Generation. Dann kam der Zusammenbruch Preußens — diese Katastrophe hat, wie die „Reden an die deutsche Nation" nunmehr zu erweisen suchen, die dritte Epoche zu verdientem Abschluß gebracht Das Reich der Selbstsucht hat sich selbst zerstört Das deutsche Volk hat das Vermögen, sich selbst zu bestimmen, verloren. Es ist ein unfreiwilliges aber notwendiges Ende. In dieser Tatsache offenbart sich ein weltgeschichtliches Ereignis. Das vierte Zeitalter der „beginnenden Rechtfertigung" hebt an. Die Menschheit steht vor einem ungeheuren Entweder — Oder. Entweder wird nunmehr der göttliche Weltplan auf Erden erfüllt und das Reich der Freiheit, — der „Vernunftstaat" — wird verwirklicht, oder alle folgende Geschichte verläuft, wie bisher, im Sinnlosen. 19t

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