Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 189 (sequence 2)
- Language
- German
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Julius Goldstein: Ist Fichte ein Gesinnungsgenosse der Völkischen? ein völlig neues Reich der Freiheit aufbauen, „gegründet auf Gleichheit alles dessen, was Menschengesicht trägt". — Die Völkischen wollen gerade diejenigen Kräfte der Vergangenheit zu neuem und gesteigertem Leben wecken, die zur Katastrophe geführt haben: die Kräfte des Hasses, des Rassenhochmutes, der Gewaltätigkeit Fichte geht aus von der Einsicht in die Verderbiheit seiner Generation — die Völkischen von der Einsicht in die Verderbtheit der Juden. Fichte sieht in dem Zusammenbruch eine Folge der Sünde wider den Geist — die Völkischen eine Folge der Sünde wider das Blut Dort eine Umkehr zu Vernunft und Geist — hier eine Hinkehr zu Rasse und Instinkt Fichte sieht die Rettung der Kultur in der Idee einer neuen Menschheit, die zu verwirklichen das Deutschtum berufen sei — die Völkischen werfen verächtlich die Idee der Menschheit beiseite und kennen nur ein Deutschtum stammhafter Abgeschlossenheit Aber hat Fichte nicht in den „Reden an die deutsche Nation" endgültig mit dem Weltbürgertum gebrochen? Haben ihn nicht die Schicksalsschläge der napoleonischen Epoche zu seinem Volke geführt? Hat er nicht die unvergleichlich hohe Bedeutung des Deutschtums mit flammenden Worten gepriesen und mit der Eindringlichkeit des Propheten seine Hörer beschworen, diesem Deutschtum treu zu bleiben? Gewiß — aber eben deshalb will Fichte nichts wissen von einem verengenden Patriotismus, der sich von dem Patriotismus der anderen Völker wohl in der Richtung, aber nicht in der Gesinnung unterscheidet /Eben deshalb ist ihm Deutschtum eine Aufgabe, die nur aus der Macht des Geistes, nicht aber aus dem Geiste der Macht erfüllt werden kann. Wenn deutschvölkische Schriftsteller glauben, Fichte als Gesinnungsgenossen für ihre Zwecke verwenden zu dürfen, so spricht daraus eine erschreckende Fremdheit gegen die Welthaltung dieses Denkers: sie, die unfähig sind, ein anderes Deutschtum als das des Blutes zu begreifen, sind nur die Nachkommen, aber nicht die Erben der Generation Fichtes. Fichte hat nie aufgehört, sich als Weltbürger zu fühlen. „Kosmopolitismus", so heißt es in dem 1807 geschriebenen Dialog ,Der Patriotismus und sein Gegenteil', „ist der herrschende Wille, daß der Zweck des Daseins des Menschengeschlechts im Menschengeschlecht erreicht werde. Patriotismus ist der Wille, daß dieser Zweck erreicht werde zu allererst in derjenigen Nation, deren Mitglieder wir selber sind, und daß von dieser aus der Erfolg sich verbreite über das ganze Geschlecht." 189