Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 175 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Goethe und die Juden ganze Reihe anderer Berliner Jüdinnen — so hat Goethe auch den Prager Bankier Lemmel und seine Familie in den böhmischen Bädern kennen gelernt. Lemmel hat uns von Gesprächen Goethes außerordentlich günstige Äußerungen über die Juden überliefert Ich zitiere sie hier nicht, ich lege ihnen keinen entscheidenden Wert bei, weil doch nie auszumachen ist, was an diesen Äußerungen nur gesellschaftliche Höflichkeit Goethes und was weiterhin Stilisierung des Berichtenden ist Es kommt, wie gesagt, auch viel mehr auf Goethes praktisches Verhalten als auf seine theoretischen Äußerungen an, und es genügt, daß er in einem Briefe von 1812 schreibt: „Dem vortrefflichen Lemmelschen Hause in Prag bin ich in diesem Sommer ein großer Schuldner geworden." Daß weiterhin unter den unendlichen Besuchen aus aller Welt, die Goethe von der Höhe seines Lebens an in Weimar zu empfangen hatte, zahlreich*! Juden waren, ist bekannt, und Riemer, einer der ältesten und kundigsten Hausgenossen Goethes, bezeugt ausdrücklich: „Da Goethe auch in dem sozialen Sinne die Honneurs von Weimar machte, so wurden die Fremden, die ihn zu besuchen kamen, Gelehrte, Künstler, berühmte Reissnde, weß Glaubens sie sein mochten, auch Juden und Judengenossen, gewöhnlich zur Tafel gezogen." Manche nachmals berühmten Männer sind unter diesen Juden gewesen, wie der Orientalist Salomon Munck, der Jurist Eduard Grans und Eduard Simson, der spätere Präsident der Frankfurter Nationalversammlung und des ersten deutschen Reichstags. Man muß aber nicht vergessen, daß sie zur Zeit ihres Besuches bei Goethe ganz unberühmte junge Leute Avaren und doch mit freundlichster Aufmerksamkeit empfangen wurden. Der nachmals berühmteste dieser jüdischen Gäste Goethes, Heinrich Heine, ist freilich ein Kapitel für sich. Wenn die Berichte über seinen Besuch stimmen, so ist er nicht sehr harmonisch und nicht sehr ehrenvoll für Heine verlaufen, da er die Taktlosigkeit besessen zu haben scheint, den großen Mann mit der Bemerkung bluffen zu wollen: Er schreibe jetzt auch einen „Faust"! Das tief problematische Wesen Heines, aus echter Andacht und leidiger Eitelkeit gemischt, und Goethe gegenüber noch der tiefe Widerstreit seiner hellenischen und seiner nazarenischen Instinkte — all das macht auch die Geschichte dieses Besuchs zu einem keineswegs rein erfreulichen Schauspiel. — Dagegen hat Goethe sich anderer jüdischer Künstler, die gewiß von geringerem Talent, aber von reinerer und bescheidenerer Kraft der Hingabe waren, dauernd und lebhaft angenommen, so des Malers Moritz Oppenheimer, dessen unverkennbar glückliches Talent Goethe rühmt, dem er 175