Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Zu einer Übersetzung und einer Rezension [Rezension]
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 113 (sequence 3)
- Language
- German
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Besprechungen troffen worden sind, das heißt, wie die Form, Mal um Mal, uns nicht Absicht, sondern Schicksal war. Wir erbieten uns, für jede uns genannte Stelle, zu beweisen, daß etwa „der starke malerische Reiz dieses Textes" nicht unserer ästhetischen Reizsamkeit, sondern eben dem Text entstammt, und daß, wenn auch die Erklärung des Rezensenten, „malerische Wirkung aber wollte der Urtext gewiß nicht bieten", unbestreitbar zu Recht besteht, daraus keineswegs zu folgern ist, daß wir sie wollten, vielmehr nur, daß sie dem Urtext ungewollt eignet und eben deshalb unsrer wie keine frühere um Treue bemühten Übertragung- 4. Richard Koch wird sich freilich an dem von uns geforderten Verfahren nur unvollständig beteiligen können, da er, wie er mitteilt, der Ursprache unkundig ist. Das ist in der Tat ein erschwerender Umstand. Nicht als ob wir den des Hebräischen nicht, wohl aber des Deutschen Kundigen, die unser Buch von diesem her beurteilen wollen, die Berechtigung dazu absprechen möchten. Es ist ein deutsches Sprachwerk und kann recht wohl als ein solches für sich betrachtet werden, ja es ist daran für einen, der von Luther und Jacob Grimm herkommt, mancherlei zu sehen, was die IN ur¬ Hebräer nicht zu sehen bekommen. Voraussetzung dafür ist nur eben so viel Situationsgefühl, daß man die Obersetzungsrichtigkeit einfach loyal voraussetzt. Koch würde sich vermutlich wundern, wenn z. B. einer, der nicht englisch kann, Friedrich Gundolf vorhielte, er sei in seinem deutschen Shakespeare nicht getreulich vom Urtext allein ausgegangen; er würde vermutlich meinen, das sei ein Vorhalt, der eigentlich nur von einer Vergleichung der Übersetzung mit dem Original aus erfolgen könnte. Da aber der genannte Umstand ihn nicht behindert hat, braucht er ihm nun auch kein Hindernis zu sein, für sein Urteil einzustehn. Er ist sich offenbar bewußt, um wie Ernstes es letztlich geht: um etwas, wie er zutreffend sagt, wovon „unser Schicksal, unsere Zukunft" abhängt; denn er weiß, daß „die Heilige Schrift mehr ein Buch der Gegenwart und der Zukunft als der Vergangenheit ist' . Es ist nun an ihm, hier zu wirklicher Klärung einzugreifen, was die unverbindliche, beweislose publizistische Äußerung ihrem Wesen nach gar nicht vermag. Unsere Zeit kann von ihrer wirklichen Krankheit (von der das „Formwollen" nur eins der Symptome ist) nur genesen, wenn es gelingt, die entwertete Menschenrede wieder verbina- 1 i c h zu machen. Martin Buber. Franz Rosenzweig. Schlußbemerkung Ich glaube nicht, daß ich etwas geschrieben habe, was angreifbar wäre. Buber und Kosenzweig greifen auch nur an, was ich nicht behauptet, sondern mit den dafür üblichen Worten in Frage gestellt habe, ob nämlich die künstlerische Wirkung der Genesisübersetzung sich bei wörtlicher Übersetzung ergibt, oder nur unter Benutzung von Kunstgriffen. Sie weisen jeden Zweifel an der Wörtlichkeit der Übersetzung zurück. Ich habe es auch für weitgehend unwahrscheinlich gehalten, daß die Übersetzer sich beträchtlich vom Urtext entfernt haben. Nachdem Buber und Rosenzweig versichern, daß die Übersetzung sehr wörtlich sei, habe ich keinen Grund, daran zu zweifeln. Es bleibt die Annahme erlaubt, daß es noch andere der hebräischen Sprache ebenso mächtige Gelehrte gibt. Es ist gewiß, daß die Übersetzung sehr verschieden ausfallen wird, je nachdem diese gelehrten Verfasser Rabbiner vom alten Schlage, moderne Gelehrte oder Schriftsteller sind. Es ist ebenso sicher, daß bei gleicher Kenntnis des Hebräischen eine Bibelübersetzung anders ausfallen muß, je nachdem das geistige Schicksal des Übersetzers gewesen ist. Nicht zwei Übersetzungen fallen gleich aus. Der Ausfall der Buber-Rosenzweigschen Übersetzung ist nicht nur von ihrer Sprachkenntnis und von ihrem Willen möglichst treu zu übersetzen abhängig, sondern auch von ihrer Eigenart. Diese Eigenart ist in dem Stil der Übersetzung für mich und, wie ich glaube, auch für andere zu erkennen. Mit dieser Eigenart wirkt die Übersetzung nicht nur als Vermittlung eines Inhaltes, sondern auch als eine Übermittlung, die wie ein Kunstwerk wirkt. Die meisten Kunstwerke, die in der Zeit entstanden sind, in der das Wort Kunstwerk den Sinn hat, in dem wir es heute gebrauchen, wirken nur eine Zeitlang stark, dann verblassen sie. Zu Anfang dieses Zeitabschnittes entstanden von den Kunstwerken, die lange Zeit wirkten, verhältnismäßig viele. In der allerletzten Zeit wirken auffällig viel Kunstwerke 113