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Der Morgen · 1926-04-01 · Heft 1 (April 1926) · p. 112

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 1 (April 1926)
Article
Zu einer Übersetzung und einer Rezension [Rezension]
Date
1926-04-01
Page
112 (sequence 2)
Language
German
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Besprechungen sind wie sie sind, in der Erscheinung des Menschenwerks auszusprechen, statt dessen einzusetzen einen ersonnenen Scheinsinn, ein Gemächt ästhetischer Willkür, und so Inzucht der Kunst zu treiben statt sie der Geschöpf lichkeit zu vermählen. Daß Riebard Koch eben dies meint, sagt er deutlich genug am Schluß seiner Besprechung, wo er die „Gefahr", die unsrer Übersetzung drohe, in die Zeitkrankheit, „Form zu wollen", einordnet, uns vor dem „Irrtum" warnt, „daß es uns Menschen gegeben ist, Dingen Formen aufprägen zu können", und von uns für die Fortsetzung unsres Unternehmens fordert, — mit der Gebärde des Zweifels, ob wir's zu leisten vermögen werden, fordert „die Kunst, künstlerische Wirkungen zu vermeiden". Die Behauptung, ein Übersetzer stilisiere, er wolle Form und vermeine Form aufprägen zu können, bedeutet — nicht anders kann's verstanden werden — den Vorwurf, daß er nicht oder nicht bloß vom Text, treu und gerecht von des Textes Geboten und Weisungen ausgehe, sondern oder sondern auch von einem dem Text fremden, also sich ihm aufzunötigen genötigten Form willen. Im Fall der vorliegenden Rezension gilt anscheinend von der soeben durch „oder" bezeichneten Alternative der mildere Vorwurf: das „nicht bloß", das „sondern auch". Ganz sicher ist das freilich nicht; offenbar ist es dem Rezensenten selbst nicht ganz sicher. „Es wäre zu viel gesagt", äußert er, „wenn man sagen würde, daß diese Lebendigkeit mit Kunstgriffen absichtlich herbeigeführt sei. Weitgehend mag sie die Folge einfacher, treuer Übersetzung sein." Sie mag. Aber wenn sie's auch wirklich ist, dann doch nur weitgehend. So ist es eben nicht zu viel gesagt. Jedoch — mag oder nicht mag, weit oder nicht weit, zu viel oder nicht zu viel: neinl Der Rezensent irrt. Hier geht es nicht um ein Weniger oder Mehr. Die Sache, der wir Untertan sind, wirft ihm die Gewichte von der Wage. So redet sie nicht, so läßt sie nicht mit sich reden. Unerbittlich eindeutig formuliert sich die Frage: Sind wir vom Wort das dasteht und nur von ihm ausgegangen, oder zwischendurch von unseren Wortvorstellungen? die vor dem Wort das dasteht nur ein Wortwahn sein können 1 Haben wir unsre Ohren und eine gehorsame Seele dem Schall der Rede, die zur Schrift geworden ist, aufgetan oder haben wir Musik unsrer Träume drein gemengt? Haben wir der Wahrheit allein oder abwechselnd ihr und den Dämonen gedient? Nicht eine ungewichtigere Frage ist die wahre, sondern eben diese. Und sie j?eht wahrhaftig nicht lediglich uns an und unsre heutigen Leser. Richard Koch hat wohl selbst, trotz seiner Wäre und Würde, ihre Eindeutigkeit, ihr Ja oder Nein verspürt. Er hält uns Luther vor. „Luther", sagt er, „glaubte sicher nichts anderes zu tun als auf deutsch zu schreiben, was in der hebräischen Vorlage . .. stand." Wir aber — können also nicht glauben, nichts anderes zu tun! Ein Dazwischen gibt - es hier nicht. Was hier nicht lautre Wahrheit ist, ist Meineid. 3. Da es sich so verhält, ist eins uns geboten, und das tun wir. Wir stellen die Reinheit unserer Arbeit unter Beweis. Denn es geht um Erweisliches. Wir wissen, daß unsre Übersetzung Fehler enthalten muß, daß wir trotz allen Bemühens nicht alle Möglichkeiten für jede Stelle erwogen haben können, daß uns auch trotz allen Strebens nach vollständiger Übersicht über die Vorarbeiten sicherlich noch brauchbare Hilfsmittel entgangen sind; wir sind für jede Kritik, die uns auf solche Lücken aufmerksam zu machen sucht, dankbar. Aber wir machen uns anheischig, von jeder Stelle unserer Übersetzung, die uns genannt wird, sei's auch nur ein einziges Wort, ein Buchstabe, eine Interpunktion, eine Zeilenabsetzung, darzutun, daß und wie sie uns allein aus unserer Erkenntnis des Worts, sei die groß oder gering, aus nichts anderem geworden ist. Wir erbieten uns zu beweisen, daß etwa die lebendige Mannigfaltigkeit des Slils, die unsere Übersetzung der Genesis von der edlen Gleichförmigkeit der Lutherschen unterscheidet, Stück für Stück aus der Bemühung um genaueste Wiedergabe dessen was dasteht, also aus der Schrift selber, aus ihrer Rede, aus Laut, Herkunft und Bedeutung der Wörter, aus Tonfall, Bau und Gehalt der Wortfügungen hervorgegangen ist; wonach wir die Beweisführung ergänzen könnten durch Mitteilungen darüber, wie wir selbst jeweils von diesen höchst unerwarteten Ergebnissen be- 112

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