Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Über die Haggadah
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 41 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueber die Haggadah liehe Stimmung in dem Beschauer zu erzeugen. Vielfach ist gerade das Gegenteil der Fall. Die verschiedensten Gebiete menschlichen Lebens sind es, die der Künstler voll übersprudelnder Laune in humorvoller, oftmals höchst drastischer, dem Leben abgelauschter Form zur Darstellung bringt So geben die Haggadahillustrationen als Ganzes genommen einen anschaulichen, kulturhistorisch bedeutsamen Ausschnitt mittelalterlich-jüdischen Lebens. Man sieht die Menschen im Alltag und Feiertag: wie sie bauten (Israel beim Bau der ägyptischen Stäche), wie sie badeten (Pharao nach der Legende in Kinderblut badend, in einem Bottich sitzend, mit der Krone auf dem Haupte!), wie sie unter Seuchen litten (zehn Plagen), wie sie sich kleideten, wie sie den Brotteig kneteten, wie sie aßen, wie sie die Kinder unterrichteten (der Lehrer häufig, mittelalterlicher Sitte gemäß, mit der Geißel in der Hand dargestellt), wie sie bewaffnet in den Kampf zogen (die Ägypter, den Israeliten nachjagend, meist in der Ausrüstung des Zeitalters, in dem der Künstler lebte), und endlich, wie sie litten, wie sie beteten und wie sie hofften (ein beliebtes Motiv bildet die Ankunft des Propheten Elia als Vorläufer des Messias). Die Anregungen, die die Handschriften gaben, wurden beim Aufkommen der Druckkunst von den jüdischen Meistern, denen nicht nur der Druck, sondern auch die Herstellung der Holzschnitte und Kupferstiche oblag, naturgemäß übernommen. Mit dem Einfluß von jüdischer Seite verband sich der immer stärker werdende Einfluß nicht jüdischer Vorbilder, der übrigens auch in der Handschriftenillustration unverkennbar ist Am bekanntesten ist wohl die erste uns vollständig überlieferte llolzschnittausgabe, die IÖ2 6 von Gerschom b. Salomo hakohen in Prag gedruckt wurde und ganz im Stile der deutschen Frührenaissance gehalten ist (vor kurzem schön reproduziert im Verlage von Josef Altmann-Berlin), sowie die i56o erschienene Mantuaner Haggadah, die durch die auf dem Titelblatt sichtbaren Säulen der Peterskirche, den mit Judenhut bekleideten Jeremia des Michelangelo als R. Akiba und das in reichem Maße zum Schmuck verwandte Rankenwerk den zwingenden Einfluß der italienischen Spätrenaissance veranschaulicht Ausgesprochen italienischen Charakter hat auch die 1629 in Venedig erschienene Ausgabe, die für die italienischen Haggadahdrucke etwa die gleiche Rolle spielt wie die sogenannte Amsterdamer Kupferstichausgabe vom Jahre 1695 für die deutschen Drucke, nur mit dem Unterschied, daß die italienischen Nachbildungen niemals in künstlerischer Hinsicht einen solchen Tiefstand zeigten wie die seit etwa iV2 Jahrhunderten bei den deutschen Juden in Gebrauch befindlichen Druckausgaben 41