Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 21 (sequence 9)
- Language
- German
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Völkischer Antisemitismus läßt. Er versucht den Anschein zu erwecken, als ob alle diejenigen — insonderheit natürlich die Juden — die „Volk" nicht als metaphysische Individualität nehmen, nur Einzelwesen und Menschheit als sittlich berechtigte Größen gelten lassen. „Menschen und Menschheit allein", so läßt er sie argumentieren, „soll es nur geben, die Zwischengebilde der Völker seien vergangene Entwicklungsstufen, Atavismen oder dergL" Möglich, daß irgendwo irgendwann einmal in Tageszeitungen oder Broschüren solche törichten Äußerungen zu finden wären. Man zeige mir aber nur eine Stelle in der Schrift eines deutschen Juden von repräsentativer Bedeutung — etwa eines Rießer, Lazarus, Steinthal, Philippson, Cohen — bei dem derartige Erwägungen anzutreffen sind. Solchen Auffassungen begegnet man wohl in den ersten Schriften Fichtes oder bei den französischen Denkern des 18. Jahrhunderts. Aber, so frage ich noch einmal: Wie beweist Stapel Fichtes metaphysische Auffassung vom Wesen des Volkes? Indem er behauptet, die atomistische Anschauung vermag, sobald man ihr tiefer nachgeht, niemals die merkwürdige Tatsache zu erklären, warum es Völker gibt Ja, wer hält denn noch heute zur atomistischen Theorie? Hat denn nicht das ganze 19. Jahrhundert mit der Fiktion des isolierten Individuums aufgeräumt? Wenn ein Chemiker eine neue Theorie über die Struktur dcr Materie aufstellen würde, und sie dadurch zu beweisen suchte, daß er die Phlogistontheorie des 18. Jahrhunderts bekämpfte und widerlegte — kein Mensch würde diesen Ripvanwinkel der Chemie ernst nehmen. Stapel behauptet, die Fichtesche Anschauung ließe sich als „Wirklichkeit" erleben. „So haben wir Deutsche sie in den Augusttagen 1914 erlebt" . . . Ganz recht, wir Deutsche, d. h. auch wir jüdische Deutsche: denn damals in den Augusttagen, als die Theorien schwiegen und die Herzen sprachen, strömten Tausende von Deutschen, Juden und Nichtjuden, wo immer sie waren, freiwillig zu den Fahnen. Tausende eilten von Übersee nach Deutschland. Gerade Juden deutscher Kulturherkunft haben in Amerika Vermögen und Stellung auf's Spiel gesetzt, weil sie sich eins fühlten mit dem deutschen Volke. Wenn also die Augusttage 1914 ein Beweis für die Fichtesche Auffassung gewesen sein sollen, dann läßt sie sich nicht gegen die Juden verwenden. Gerade die Augusttage 1914 haben gezeigt, wie in Zeiten schicksalhafter Schwere die geistige und kulturelle, die staatliche und die historische Bindung stärker ist als die abstammungsmäßige Bindung. Das haben nicht nur die Juden, das haben auch die Wenden, Masuren und Litauer gezeigt. 2X