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Der Morgen · 1926-02-01 · Heft 6 (Februar 1926) · p. 716

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 6 (Februar 1926)
Article
Bemerkungen zur neuen Verdeutschung der Heiligen Schrift [Rezension]
Date
1926-02-01
Page
716 (sequence 3)
Language
German
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Besprechungen schutzlos preisgegeben sind, sondern der Irrtum, daß es uns Menschen gegeben ist, Dingen Formen aufprägen zu können. Die Form erscheint im letzten Augenblick jeder Arbeit. In einer entgötterten Welt muß sie ohne Stempel des Göttlichen erscheinen. Solange der Wille zur Form besteht, muß sie mißlingen, auch wo der Arbeiter alles Anrecht auf echt gewachsene Form hat. Aber auch wo wir dieses Recht wieder besitzen, sind wir mit der Krankheit, Form zu wollen, behaftet. Sie zu überwinden ist unsere ernsteste Aufgabe. Das hängt eng damit zusammen, daß die Heilige Schrift mehr ein Buch der Gegenwart und der Zukunft als der Vergangenheit ist. Vielleicht gelingt es bei der Arbeit, sie zu verdeutschen, am ersten, Form zu erhalten, ohne Form zu wollen. Eine große Aufgabe mit ungewissem Ausgang haben Buber und Rosenzweig sich gestellt. Noch müssen wir fürchten, daß sie nicht zu einem glücklichen Ende geführt werden kann. Mir ist niemand bekannt, der den möglichen Weg in stärkerer Intuition gesehen und gezeigt hätte, als Franz Rosenzweig im „Stern der Erlösung", und auch das „chassidische Judentum", das Martin Buber ergriffen hat, ist ein Versuch in dieser Richtung, dessen Möglichkeiten noch nicht erschöpft sind. Richard Koch. . , 7/ ■ '- - ' Historische Romane Die Sehnsucht unserer Zeit nach der großen führenden Persönlichkeit spiegelt sich wieder in der großen, historischen Biographie. Cäsar und Friedrich, Napoleon und Bismarck, Goethe und Nietzsche, Hölderlin und Kleist werden Jahr für Jahr wieder belebt, nicht nur aus dem Drang nach neuer historischer Erkenntnis, nicht nur aus Freude an Analyse und Psychologie. Sondern ein der Mittelmäßigkeiten und der nivellierenden Gleichheit müdes Geschlecht, das sein religiöses oder philosophisches Weltbild noch nicht gefunden hat, sucht Halt und Vorbild im taten- oder gedankenreichen vorbildlichen Leben. Der „Reubeni", den Max Brod zu neuem Leben erweckt hat, ist keine der ganz großen jüdischen Persönlichkeiten. Aber unsere, einer neuen Mystik und Romantik zugewandte Zeit findet den inneren Zusammenhang mit jener Gestalt, die dem rationalistischen 19. Jahrhundert noch fremd und unheimlich war. Brod nennt sein Werk einen Roman. Er hat „vieles den alten Chroniken und den Darstellungen der Geschichtskundigen entnommen, vieles aber auch aus eigenem hinzugefügt, der blutsverwandten Seele gehorchend". Er hat damit den vollendeten historischen Roman geschaffen. Denn er hat die historische Wirklichkeit wohl mit dem Auge des Dichters gesehen, sie aber nicht umgestaltet und verbogen. Er hat die Geschichte nur in unsere Zeit einbezogen, die Vergangenheit zur Gegenwart, den Helden des 16. Jahrhunderts zu unserem Schicksalsgenossen im Geiste gemacht. Das ist der große Unterschied zwischen dem Roman Max Brods und dem äußerlich vielleicht erfolgreicheren historischen Roman vom „Jud Süß".1) Max Brod ändert nichts an der überlieferten einmaligen und einzigartigen Persönlichkeit des Reubeni und seiner Genossen. Feuchtwanger zeichnet das Bild eines Hofjuden, der auch jeden beliebigen anderen Namen tragen könnte. Und trotzdem ist dieser Reubeni in seiner Einmaligkeit Fleisch von unserem Fleische, seine Leiden sind unsere Leiden, die speziell jüdischen Leiden, während der Süß nur der Mittelpunkt eines höfischen Staatsromanes aus dem 18. Jahrhundert ist. Der historische Reubeni lebte im 16. Jahrhundert. Er war einer jener Schwärmer, die der sabbathianischen Bewegung vorangingen und eine Zeitlang die Juden ganz Europas in Spannung und Erregung hielten. Woher Reubeni kam, weiß man nicht. Er hielt sich einige Zeit in Arabien und Nubien auf. Dann tauchte er in Europa auf, nannte sich David, Bruder des Königs Josef von Chabor, der über 3o mal 10000 der Kinder Gad und Reubeni und des halben Stammes Manasse regiere. Er sei ausgesandt von seinem Bruder und dessen Räten, den 70 Ältesten, um den bedrängten europäischen Brüdern zu helfen. Zu diesem Zwecke reiste er nach Rom, zum Papste, der den jüdischen Ambassadeur gnädig aufnahm, und bot ihm die Bundesgenossenschaft der Juden gegen den gemeinsamen Feind, die Türken, an. Als Entgelt verlangte er nach dem Siege Palästina und Jerusalem für sein Volk. Ähnliche Versprechungen machte er auch dem König Juan III. von Portugal, während seine Glau- *) Lion Feuchtwanger: Jud Süß. Roman 1925. Drei Masken-Verlag, München. 716

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