Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1926)
- Article
- Bemerkungen zur neuen Verdeutschung der Heiligen Schrift [Rezension]
- Date
- 1926-02-01
- Page
- 715 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen gescholten werden. Für uns ist die Heilige Schrift wohl meist die Lutherbibel. In ihrer Ursprache, im Frühneuhochdeutschen, sind Schauplatz und Gestalten, ihrer Sprache entsprechend, .Mitteldeutschland und seine Bewohner im ersten Drittel des sechzehnten Jahrhunderts so wie sie uns die Bilder von Luthers Freund Lucas Cranach zeigen. Von der Bildkraft dieser Sprache ist in dem abgeschliffenen Deutsch eines Textes unserer Zeit nur wenig übrig geblieben. Kaum erwachen im Leser überhaupt noch deutliche Bilder. Wie unsere Kleidung die Oberfläche des Menschen vergessen läßt, um desto mehr Haltung und Gesichtsausdruck zur Geltung zu bringen, so hat auch das, was wir lesen, nicht mehr die Oberfläche einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Landes, sondern ein Vorstellungsablauf in vereinfachenden Nuancen grau in grau wird im Leser wach. Trotzdem ist die Heilige Schrift geblieben, was sie war. Ihre Kraft hat nicht in der Bildhaftigkeit ihrer Sprache gelegen. Wenn wir heute etwas Wichtiges schreiben, steht es mit den dadurch erweckten Vorstellungen nicht anders. Nur künstlich, nur um Kunstwerke zu gestalten, können wir auch anders schreiben und sprechen. Diese unserer natürlichen Sprache verlorengegangene Bildhaftigkeit haben Buber und Rosenzweig wieder hergestellt und ihre Übersetzung den Werken der Kunst damit nahe gerückt. Wie in Bild und Bühnenbild erwacht in der Schöpfungsgeschichte Urzeit mit sinnlicher Gewalt, die ersten Tragödien spielen sich als stilisierte Mythen ab. Die Geschichte der Erzväter zeigt Nomadenleben in Wüste und Weideland, man atmet die Luft, in der Abraham seine Geschichte erlebte, man spürt die Glut der Mittagssonne und die erquickende Abendkühle. Die Josefnovelle spielt sich spannend und Schlag auf Schlag im Lande der Pyramiden ab. Es wäre zu viel gesagt, wenn man sagen würde, daß diese Lebendigkeit mit Kunstgriffen absichtlich herbeigeführt sei. Weitgehend mag sie die Folge einfacher, treuer Übersetzung sein. Besonders in den mittleren und letzten Teilen des Buches ist die Sprache einfacheres, reineres und neuzeitlich richtigeres Deutsch als bei Luther. Nur wer imstande ist, die Technik der Übersetzung zu beurteilen, vermag die Mittel zu erkennen, mit denen der starke malerische Reiz dieses Textes erreicht ist. Malerische Wirkungen aber wollte der Urtext gewiß nicht bieten, und Luther glaubte sicher nichts anderes zu tun als auf deutsch zu schreiben, was in der hebräischen Vorlage und dem lateinischen Hilfstext stand. Wenn unser Geschlecht den alten Text vermitteln will, darf es gewiß Felder früherer Übersetzer verbessern. Die Absicht ist nicht die Übersetzung der Reformation in ihrer deutschen Herzlichkeit zu vermitteln, sondern wie diese die Schrift selber. Franz Rosenzweigs Hymnen Jehuda Halevis bringen auf deutsch ein Klang- und Satzbild hebräischer Dichtung und man ist dankbar für das Geschenk, diese sonst unzugängliche Seele verstehen zu dürfen. Das Deutsch dieser Hymnen ist unvergleichlich künstlicher als das der Genesisübersetzung und verletzt trotzdem nichts. Ohne diese Nachdichtung wäre der Stil des Deutsch der Heiligen Schrift nicht möglich. Es ist stark abgeschwächt, mit Vermeidung fast aller Härten, dasselbe. Was aber dort am Platze ist, ist hier mindestens eine Gefahr, die Gefahr zeitlos Gewordenes aufs neue der Zeit auszusetzen. Das einzige Buch, das nie veraltete, kann in dieser Form veralten. Es mag noch so sehr nur eine von vielen Übersetzungen sein, die da veraltet, dafür ist sie wieder zu zeitlos, zu sehr als die Schrift selber gemeint, als daß dieses Geschehen ohne Gefahr wäre. Diese Schwäche der Arbeit käme dem Leser vielleicht nicht so stark zum Bewußtsein, wenn nicht unglückliche Äußerlichkeiten den Eindruck verstärkten. Format, Papier, Druck und Band sind der Körper eines Literaturproduktes, das einmal gelesen, seinen' Dienst getan hat, zehnmaliges Lesen nicht aushält, ohne die Schmetterlingsschönheit zu verlieren. Ein Dichter, der< ein Volk auch nur unter die kleinen Verkünder seines Geistes aufgenommen hat, darf verlangen, daß man ihm das nicht antut. Für billige Massenausgaben, die man ins Volk wirft, güt ein anderer Maßstab. Ein zerlesener Reclaraband ist wie ein Soldat, der in Erfüllung seiner Pflicht gefallen ist. Aus diesen guten Gründen verlangt die Fortsetzung des Unternehmens, das nun einmal ein Ereignis ist, weil die Heilige Schrift von diesen Verfassern" in die deutsche Sprache übersetzt wird, von Buber und Rosenzweig die Kunst, künstlerische Wirkungen zu vermeiden und außerdem die Befreiung von einer unangemessenen äußeren Form. Dieses ist eine leichte, jenes vielleicht eine sehr schwere Aufgabe, weil Arbeiten an den Formen des Lebens heute fast immer mißlingen. Der tiefste Grund dieser schöpferischen Schwäche unserer Zeit ist kein Nachlassen der Kraft, der wir 715