Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 619 (sequence 1)
- Language
- German
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Besprechungen. Karin Michaelis: Der Fall D'Ann u n z i o. Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam 1925, 3g Seiten. Der Fall D'Annunzio ist kurz folgender: Der italienische Dichter hat sich in einer mit einem parlamentarischen Ausdruck kaum wiederzugebenden Weise gegen Frau Prof. Thode benommen. Die Geschichte dieses Verhaltens schildert eindrucksvoll die vorliegende kleine Schrift. Danach dürfte D'Annunzio als Mensch vor der Mit- und Nachwelt gerichtet sein. Aber damit ist für uns der Fall D'Annunzio noch nicht erledigt. Man belastet die Juden mit diesem D'Annunzio. Wie die Politiker immer noch eine letzte Reserve haben, wenn ihre Sache verloren ist, — die Juden, so scheinen auch die Schriftsteller, die einen krassen Fall moralischer Gemeinheit schildern, sich den Juden als letztes Erklärungsmittel vorzubehalten. Kann ein Mensch, der wie D'Annunzio, die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze sittlichen Verhaltens so gröblich verletzt hat, eigentlich ein geborener Italiener sein? Wie wäre es, wenn man seine Handlungsweise dadurch begreiflich machte, daß man seine italienische Abstammung leugnete und ihn zu einem Nachkommen polnischer Ghettobewohner stempelte? Der Kniff ist zwar alt und banal, aber wie viele Beispiele — Riedl, Northcliffe u. a. — zeigen, immer noch zugkräftig, sogar für eine Schriftstellerin wie Karin Michaelis. Sie schreibt auf Seite 36: „Es heißt, aber ich kann es nicht beschwören, ich habe seinen Taufschein nicht gesehen, es heißt, sage ich, und ich habe es aus italienischen Zeitungen, daß D'Annunzio in Rappoport (oder etwas ähnlichem) geboren sei, daß er ursprünglich aus dem polnischen Ghetto entsprungen sei." Und auf der nächsten Seite wird das, was dort in hypothetischer Schwebe bleibt, mit kategorischen Worten noch einmal zum Ausdruck gebracht: „Also hege ich fortan den Glauben, daß D'Annunzio doch in Rappoport geboren ist und nie ganz italienisiert wurde." Karin Michaelis hat, wie sie sagt, ihre Behauptung der jüdischen Abstammung D'Annunzios aus italienischen Zeitungen. Und woher haben es diese? Ich gebe zwei aufhellende Zeitungsnotizen: „Frankfurter Zeitung", Nr. i46, 28.Mai 1915. — D'Annunzio — ein Pole? — „Das „Neue Pester Journal" will wissen, daß der berüchtigte Kriegshetzer .Gabriele D'Annunzio kein vollwertiger Italiener, sondern der Sohn eines Advokaten aus Russisch-Polen namens Rappaport sei. Der Vater des Dichters habe seinerzeit in Diensten des ehemaligen österreichisch-ungarischen Ministers" des Aeußeren Grafen Goluchowski auf dessen galizischen' Besitzungen gestanden. Er sei später nach Rom übergesiedelt, wo er den Namen Rappazi angenommen habe. Seinem Sohne blieb es vorbehalten, sich ein Adelsprädikat beizulegen und den Namen D'Annunzio anzunehmen. Diese Mitteilungen sollen vom Grafen Goluchowski selbst stammen. (Bisher war nur bekannt, daß dem Dichter der bürgerliche Name Rapagnelta zukommt. Die Zweifelhaftigkeit dieses Mannes scheint sich also auch auf seine Herkunft zu erstrecken)."— „Frankfurter Zeitung" Nr. 161, 12. Juni 1915. (Kleine Mitteilungen). „In der Notiz: D'Annunzio — ein Pole? (in Nr. i£6) berichteten wir nach dem „Neuen Pester Journal", daß auf Grund von Mitteilungen des ehemaligen österreichischen Ministers des Aeußeren, Grafen Goluchowski, der italienische Dichter und Hauptkriegsheizer Gabriele D'Annunzio polnischer Abkunft und sein Vater ein Advokat Dr. Rappaport gewesen sei. Die „Österreich-israelitische Union" hat daraufhin bei dem Minister Goluchowski 619