Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1925-12-01 · Heft 5 (Dezember 1925) · p. 618

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 5 (Dezember 1925)
Article
Felix Liebermann
Date
1925-12-01
Page
618 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895451-2895457-2896427--00728-2896547
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Paul Abraham: Felix Liebermann Vorbild dieser großen, auf Roms Geschichte konzentrierten Fcrschertäligkeit, in ihrer Vereinigung historischer, philologischer und juristischer Methoden, hat auf Liebermanns Entwicklung entscheidend eingewirkt. Als unbeamteter Privatgelehrter, nicht gleich der Mehrzahl der Fachgenossen durch Amtsgeschäfte zersplittert, hat er gelegentlich auch zu allgemeineren Fragen, z. B. über Gedankenfreiheit, Zionismus, Kriegsprobleme und bestimmte Erscheinungen der jüdischen Geschichte, besonders im Organ der Gesellschaft für ethische Kultur und in der Allgemeinen Zeitung des Judentums, Stellung genommen. Die hier vertretenen humanitären und „sozialliberalen" Grundsätze hat er den Traditionen seiner Familie folgend im Ehrendienste charitativer Stiftungen — so im Vorstande der Baruch-Auerbachschen Waisen-Erziehungs-Anstalten und als Schriftführer des Hilfsvereins für jüdische Studierende — sowie in der Verwaltung der Felix- und Caecilie-Liebermann-Sliftung bewährt, die von ihm, gemeinsam mit seiner ihn in jeder Beziehung verständnisvoll unterstützenden Gemahlin Caecilie geb. Lachmann, begründet worden ist(igo5), um den Aufstieg mittelloser Intelligenzen bis zur wirtschaftlichen Selbständigkeit zu fördern. Er ist in den Kriegsjahren von 1916—1918 im Kriegspresseamt als Exzerplor englischer Zeitungen tätig gewesen, und es ist nicht seine Schuld, daß m<m an den maßgebenden Stellen seine Hinweise auf die englischen Raupen¬ oder Tankwagen nicht rechtzeitig beachtet hat. Es wäre besser gewesen, wenn man sich auch in anderen Fragen dieses ausgezeichneten Kenners des englischen Volkes bedient und diese ungewöhnliche Kraft auch zur Lösung von Gegenwartsproblemen herangezogen hätte. Was in dieser Beziehung ein als unpraktisch verschiieener Rechtshislorlker, wenn er nur an den richtigen Platz gestellt wird, vermag, das hat noch bis vor kurzem auf dem Gebiete der deutsch-französischen Beziehungen der Romanist Josef Partsch (1882—1925) bewiesen, der besonders in dem Kampfe vor den Gemischten Schiedsgerichten die Obergriffe der Franzosen über den Friedensvertrag Yon Versailles unermüdlich in der wirksamsten Weise zurückgewiesen hat. Gerade solcher Männer bedarf Deutschland im gegenwärtigen Ringen um seine Existenz und sollte sich ihrer auch dann bedienen, wenn sie nicht zu den zünftigen Diplomaten gehören. Aber wenn auch dieses Wirken nach außen dem stillen Privatgelehrten versagt war, so bleibt doch unbestritten und unbestreitbar das Verdienst seiner wissenschaftlichen Leistung, das übrigens auch durch die Verleihung des Ehrendoktors mehrerer Fakultäten und der Ehrenmitgliedschaft deutscher und englischer Akademien, sowie eine ihm zum 70. Geburtstage gewidmete Festgabe zum. Ausdruck gebracht worden ist. Wie ihm im April 1913 auf dem internationalen Historiker-Kongreß in London Beweise allgemeiner Hochachtung und Wertschätzung zuteil wurden, so waren von seinen Freunden und Verehrern für den Tag des goldenen Doktorjubiläums (20. Januar 1926) und den 75. Geburtstag (20. Juli 1926) Ehrungen vorbereitet worden, die dem selbstlosen Mann aufs neue gezeigt hätten, welches Ansehen er bei allen, die ihn kannten, genoß. Man wird schmerzlich bedauern, daß sein vorzeitiges Hinscheiden diese Pläne und Hoffnungen zerstört hat, und die allgemeine Teilnahme wendet sich der schwergeprüften Familie zu, die durch das fast gleichzeitige plötzliche Ableben des Prof. Preuß in doppelte Trauer versetzt worden ist. Aber das Werk, dem Felix Liebermann gedient hat, sinkt mit ihm nicht ins Grab. Es wird ihn so lange überleben, als das Streben nach Wahrheit und das Verständnis für menschliche Größe und Güte dem Menschengeschlechte nicht ganz abhanden kommt". Paul Abraham. 618

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.