Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Staat und Erziehung
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 593 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Staat und Erziehung wegs nur solche altkonservativer Richtung, in wachsendem Maße statt für ihre Religionsschule für das Konfessionalisieren der öffentlichen Erziehung eintreten. Meistens lautet ihr Hauptargument, zwar wenig selbstsicher, aber doch nicht so leicht widerlegbar: das längst nicht mehr simultan zu nennende System der öffentlichen Erziehung in Unterricht und Schulfeiern verschärfe den durch den Antisemitismus ohnehin vorhandenen Gegensatz so sehr, daß es für ihre Kinder nicht mehr zu ertragen sei. Auch das könnte trotz der geringen Zahl der jüdischen Schüler die Gesamtheit darauf hinweisen, wie es nur durch unbeirrbares Festhalten am Ideal der reinen Simultanschule verhindert werden kann, daß sich vereint für eine völlige Auslieferung der öffentlichen Erziehung an die Glaubens¬ oder Weltanschauungsgemeinschaften Stimmen aus den gegensätzlichen Lagern erheben. Es wäre grotesk, auch Juden den Standpunkt des drohenden Reichsschulgesetzentwurfes mit allen seinen Kniffen einnehmen zu sehen, etwa der unjüdischen, aber gewiß auch weder christlichen noch überhaupt menschlichen Erfindung der „Elternteile", mit der man im Bedürfnisfall eigens Zwietracht zwischen Vater und Mutter sät, um nur ja den Kindern die Wohltat der Konfessionalisierung zu sichern. Der Staat aber kann nur durch friedlich-schiedliche Auseinandersetzung mit Elternschaft und Glaubensgemeinden über das, was sie als rechte Konfessionsschule allein pflegen sollten, und was er als öffentliche Erziehung unbedingt in der Hand behalten muß, dieses sein schwer bedrohtes Palladium noch retten. Er wird damit zugleich jedem einzelnen seiner Angehörigen wie der Kultur der Gesamtheit nützen, den Familien und den Glaubensgemeinschaften helfen und vor allem eine ausgebreitete, freie und tiefe Religiosität fördern. 593