Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Urkirche und Judentum
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 573 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Urkirche und Judentum der göttlichen Inspiration dieser uralten Gebete, die Psalmen betet, wie sie die Juden der Vorzeit beteten. Man denke nur an das priesterliche Brevier! Mit dem Wort „Inspiration" habe ich ein weiteres angedeutet, was die Kirche mit dem Judentum verbindet: Aller liberalen und religionsgeschichtlichen Bibelkritik zum Trotz hält die Kirche den ganzen Kanon des alttestamentlichen Schrifttums als göttlich eingegebenes Offenbarungsgut heilig und läßt daran so wenig rütteln, wie an den Schriften des Neuen Testaments. Und wenn heute von rassentheoretisch verbildeten Menschen die jüdische, alttestamentliche Sittlichkeit geschmäht und verworfen wird, so ist zwar die Kirche mit Christus über manches hinausgewachsen, was „um der Herzenshärtigkeit willen" (Mt. 19, 18) den Juden der Urzeit gestattet war, aber im Kerne ihrer Sittlichkeit, die sich stützt auf den Dekalog des Alten Testaments, ist die katholische Kirche dem Judentum heute noch so verbunden, wie in ihren liturgischen Gebeten und Gebräuchen, und wie in ihrem messianischen Glauben und Hoffen. Und darum ergibt sich für uns Katholiken der Gegenwart aus diesen geschichtlichen Rückblicken in die Vergangenheit der Kirche und Synagoge eine eindeutige feste Richtschnur des praktischen Verhaltens: Wir können den Juden nicht anders gegenüberstehen als Jesus der Gekreuzigte, der selbst in der Stunde, da sie ihn verwarfen, für sie betete: „Vater vergib ihnen, sie wissen nicht was sie tun", oder als Petrus, der erste Stellvertreter Christi, der am Pfingstiag den Juden zuruft: „Euer Heil ist euch in Christus gekommen, aus Unwissenheit habt ihr es von euch gewiesen", oder als Paulus, der von sich sagt, daß ohne Unterlaß seine Gebete ergehen für sein Volk. Den Haß und die Verachtung und gar noch die schroffe Zurückweisung in der Lebensgemeinschaft, die von vielen Seiten gerade in unserem so vielzerspaltenen Volk gegenüber den jüdischen Mitbürgern im Namen des Christentums gefordert wird, kann die katholische Kirche niemals aufbringen. Die katholische Kirche kennt den Juden gegenüber nur dieses Doppelte : einerseits die Dankbarkeit für das, was wir als Erbgut von ihnen übernommen haben und bis heute heilig halten, und andererseits, weil wir überzeugt sind, die Erfüllung der jüdischen Hoffnungen in unserem Heiland zu haben, das Fürbittgebet, wie es Jesus, wie es Jakobus, wie es Paulus verrichtet haben — unablässig für sein Volk, das Volk des Messias und seiner heiligsten Mutter Maria. 573 36*