Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1925)
- Article
- Unsterblichkeit
- Date
- 1925-12-01
- Page
- 541 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895457-2896419--00643-2896470- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Unsterblichkeit Ich spreche, wie Sie sehen, vom Standpunkt aller jener anderen Wesem aus, die sich ihres eignen Daseins bewußt sind und sich innerlich desselbem erfieuen. Wenn wir Pantheisten sind, so können wir dabei stehen bleiben. Wir brauchen dann nur zu sagen, daß durch diese Individuen als durch ebenso viele verschiedene Ausdrucksformen der ewige Geist des Universums sein eigenes unendliches Leben bejaht und verwirklicht Aber wenn wir Theisten sind, können wir ohne das Ergebnis zu verändern, weiter gehen. Gottes Liebe, können wir dann sagen, ist so unerschöpflich, daß sie nach einer buchstäblich endlosen Zunahme geschaffenen Lebens verlangt. Er kann niemals ermatten oder müde werden, wie wir es bei solchem immer wachsenden Zufluß tun würden. Sein Maaß ist unendlich in allen Dingen. Sein Mitfühlen weiß von keinem Überdruß und von keinem Zuviel. Sie werden nun, hoffe ich, mit mir einer Meinung darin sein, daß die peinliche Vorstellung eines Himmels, der an Übervölkerung, leidet, eine leere Einbildung ist, ein Zeichen menschlicher Unfähigkeit, ein Überbleibsel des alten, engherzigen aristokratischen Glaubens. „Verehre den Meister, hebe Deine Augen auf zu seiner Größe und der Weite des Himmels", und Du wirst glauben an ein demokratisch gestaltetes Weltall, das nichts weiß von Deiner kleinlichen Auswahl. Wurde Dein Geschmack befragt, als Gott den Erdball bevölkerte? Wie sollte er ihn befragen, wenn er die Stadt Gottes bevölkert? Laßt uns wie Hiob unseren Mund mit der Hand bedecken . und dankbar sein, daß wir selbst in unserer eignen Nichtigkeit hier sein dürfen. Die Gottheit, die uns duldet, wird, des dürfen wir sicher sein, noch manche anderen sonderbaren! und wunderlichen und nur halb erfreulichen Dinge dulden können. Ich für mein Teil also bin wohl damit einverstanden, daß alles Leben, das in den Wäldern dieser Welt aufwuchs und im Hauch ihres Windes sich regte, unsterblich sei Es ist eine bloße Tatsachenfrage, ob wir auch die Blätter hinzuzurechnen haben. Die bloße, abstrakt genommene Größe ihrer Anzahl, das scheinbar Zwecklose in der zahlreichen Wiederholung des Gleichartigen, fällt nicht als Gegengrund ins Gewicht Denn Größe, Zahl, Gattungsgleichheit sind nur Formen unseres endlichen Denkens, an sich selbst betrachtet aber und unabhängig von uns ist die eine Skala von Dimensionen und Zahlen angewandt auf die Welt nicht wunderbarer und unbegreiflicher als die andre in dem Augenblick, in dem Sie dem Universum überhaupt ein Sein zugestehen anstatt des Nichtseins, das auch hätte herrschen können. 541 34*