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Der Morgen · 1925-10-01 · Heft 4 (Oktober 1925) · p. 518

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 4 (Oktober 1925)
Article
[Rezension]
Date
1925-10-01
Page
518 (sequence 2)
Language
German
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Besprechungen Beachtung verdient die wichtige Rolle, die die Psychoanalyse in verschiedenen Beiträgen spielt. Keyserlings Stellung ist wohl zu billigen. Der großen Wertschätzung als Methode hält er ihre Unzulänglichkeit als Philosophie entgegen, die, weit entfernt zur Sublimierung zu führen, zum reinen Triebleben zurückleitet. In Mengs „Seelische Organisation des Kindes" ist mit Gewinn von Freuds Lehre Gebrauch gemacht worden, Ambivalenz, Schuldgefühl usw. gut analysiert; man lese die Ausführungen über die alte und neue Erziehungsmethode. Dagegen müssen ernste Bedenken gegen Groddecks „Sinn der Krankheit" erhoben werden, der in simple pathologische Prozesse und begleitende psychische Phaenomene ganz abstruse psychoanalytische Erwägungen hineinbringt; Schreck und Furcht beim Fallen, und einen Knochenbruch als Schuldgefühl usw. zu deuten, ist unerträglich. Noch schlimmer sind die Deutungsversuche, warum dieses oder jenes Organ verletzt sind. Auch 0. v. Ungern-Sternbergs Abhandlung „Die Korrespondenz von Makro- und „Mikrokosmus" mit dem Rettungsversuch der Astrologie erregt Befremden. Aber als Ganzes ist das Jahrbuch, weniger als endgültiges Resultat wissenschaftlicher Arbeit, denn als großes geistiges Streben über allzu menschliche Engen hinaus von hohem' anregenden Wert. Oskar Wolfsberg. Heinrich Levy-Koref, Karl Marx und Hegel. Zur Widerlegung der Legende vom jüdischen Marxismus. Philo-Verlag, Berlin 1925. Diese kleine aber inhaltsreiche Schrift mußte in unsren Tagen und für uns heutige Menschen geschrieben werden. Denn sie bedeutet mehr, weit mehr, als ihr Untertitel ankündigt. Sie ist nicht aus Ressentiment und Abwehr gegen den Antisemitismus der deutschvölkischen Bewegung geboren. Hinter ihr steht zweifelsohne, wenn auch unausgesprochen die aus Hegelschem Geiste erwachsene Erkenntnis, daß das Leben sich anschickt, eine neue Stufe der Menschheitsentwicklung zu erklimmen. Wer nicht bei der weit vorgeschrittenen „Verbürgerlichung" unseres Daseins den Spürsinn für den tieferen Sinn der großen Geschehnisse in der Welt und für ihren sinnhaften Zusammenhang verlor, wird ahnen oder überzeugt sein, daß auf dieser neuen Stufe der „vierte Stand" nicht nur Licht, Luft und Freiheit atmen, sondern bestimmend auf die großen Gestaltungen der Menschheit wirken wird. Was heute bei den hin- und herwogenden sozialen Kämpfen im Abendland und in Amerika, aber auch bei dem Aufbäumen niedergehaltener Völkerschaften in Marokko und Syrien, in China und Indien sich vollzieht, sind nicht politische, sind elementare Vorgänge, hinter denen sich eine geheime Gesetzlichkeit der Geschichte verbirgt; sie wird von Hegel wie von Marx als „Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit" begriffen. Bei solcher Weltlage ist's wertvoll, aus tiefgründiger Darlegung zu ersehen, daß hinter dem Marxismus als der treibenden Kraft des seither unterdrückten Standes ein durchaus geistiges Prinzip waltet, das auf Hegels geistige Schau sich gründet. Darüber hinaus ist's für uns alle, die wir im Geistigen das wesenhaft Menschliche erblicken, anspornend, zu vernehmen, daß Karl Marx wie Hegel als Ziel der Geschichte die Herrschaft des Geistes in der Welt bezeichnen. In drei gut gegliederten Teilen bewältigt der Verfasser seine Aufgrabe. Er schildert zunächst das geistiore Weltbild Hegels in großen Umrissen und mit besonderer Berücksichtigung der Marx beeinflussenden Prinzipien. Die Lehren des großen Soziologen und Politikers Marx und ihre geistig-weltanschaulicho Untermauerung werden uns im zweiten Teile vor Augen geführt. Auf eine formal knappe, doch aufschlußreiche Gegenüberstellung von Gleichheit und Unterschied in den Lehrmeinungen der beiden großen Denker folgt als letzter Teil die Zurückführung der im politischen Leben des Sozialismus so hochbedeutsamen Marxschen Verelendungstheorie auf Äußerungen in Hegels Werk und damit der bündige, dem Kenner Hegels natürlich längst bekannte Erweis, daß auch die revolutionierenden Ideen des Marxismus in Hegels Gedankenbau umschlossen liegen. Die vorliegende Schrift ist — abgesehen vom Gesamtinhalt — noch darum empfehlenswert, weil sie den Lesern, die in die großen Systeme unserer Philosophen einzudringen wünschen, die Schwierigkeiten der Terminologie erleichtert und weil sie die Hegeische Dialektik kurz und pädagogisch geschickt darzulegen versteht. Gustav Löffle r. 518

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